Neben uns die Sintflut

Das Erntedankfest bietet im Kirchenjahr die seltene Gelegenheit, die Natur in die Kirche zu holen und über die Bewahrung der Schöpfung nachzudenken. Vielfach allerdings werden Familiengottesdienste mit kleinen Kindern gehalten, sodass die Predigt auf diese eingehen muss. Vermutlich werden viele in dem Tenor gehalten, den auch BROT FÜR DIE WELT in den Handreichungen für 2017 vorgibt. In der „Musterpredigt“ von Eckhard Röhm heißt es dann:

„Nun hat Gabe nach biblischem Verständnis immer auch mit Aufgabe zu tun. Reichtum, Fülle und Überfluss sollen wir einsetzen, um anderen zu helfen. Es ist uns aufgegeben, für einen Ausgleich zwischen reich und arm zu sorgen. Das ist die Aufgabe, die uns Gott stellt. Damit wir diese Aufgabe erfüllen können, müssen wir etwas aufgeben. Etwas von unserem Geld, unserer Zeit und unseren Talenten.“ (Etwas? Na dann geht’s ja.)

https://www.brot-fuer-die-welt.de/gemeinden/material/erntedank.

Da werden alle zustimmend nicken. Doch reicht es in dieser Allgemeinheit aus? BROT FÜR DIE WELT bringt das ganze Jahr über weit schärfere Analysen, die uns herausfordern. Lassen sich diese nicht liturgisch umsetzen? Wo sonst werden sie der Öffentlichkeit vermittelt?

Der gegenwärtige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Dr. Gerd Müller schreibt in seinem Buch „Unfair! Für eine gerechte Entwicklung“   (Murmann Verlag Hamburg, 2.Aufl. 2017): „Globalisierung gerecht zu gestalten heißt, alle teilhaben zu lassen an Wachstum und Wohlstand und Rücksicht zu nehmen auf den Schutz der globalen Güter unseres Planeten. Der weltweite Markt und Handel brauchen verbindliche soziale und ökologische Regeln und Standards zur Wahrung grundlegender Menschenrechte sowie kultureller Besonderheiten und zum Schutz der ökologischen Ressourcen des Planeten.“ Man darf gespannt sein, wie der Minister diese hehren Ziele in der künftigen Koalitionsregierung durchsetzen kann. Ich nehme ihm die auf 190 Seiten beschriebenen Emotionen und Einsichten ab, sehe aber nicht, dass er sie auch nur ansatzweise in seiner CSU zur Geltung bringen kann.

Die meisten bundesdeutschen Kirchenmitglieder leben wie alle andern nach der heimlichen Devise „Nach uns die Sintflut“. Aber sie existiert bereits neben uns. Wird daran in unsern Predigten gerüttelt?

Der SWR sendete am Erntedankfest 2017 in der „Aula“ ein Gespräch mit Professor Stephan Lessenich zum Thema „Leben auf Kosten anderer“. Er hat in seinem Buch „Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“ (Hanser Verlag Berlin 2016) beschrieben, wie wir die Kosten unseres Wohlstands systematisch auslagern. Wir lassen damit Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika mit den katastrophalen Folgen unseres Handelns allein. Wir profitieren von Kinderarbeit, weil wir billige T-Shirts und ebenso billige Handys wollen, dabei blenden wir konsequent die sozialen und ökologischen Wirkungen unseres Handelns aus. Er schreibt:

„Nur wenn es gelingt, das nationale wie transnationale Institutionengerüst der Externalisierungsgesellschaft im Sinne eines demokratischen, global-egalitären Reformprojekts umzupolen, wird sich nicht nur unser Gewissen aufhellen, sondern auch die soziale Lage großer Bevölkerungsmehrheiten rund um die Welt.“

https://www.swr.de/-/id=19795554/property=download/nid=660374/1t3y4t8/swr2-wissen-20171001.pdf

Der Soziologe Lessenich und der Politiker Müller rütteln beide an den Grundlagen unserer Konsumgesellschaft. Doch wie kann man die Menschen aufrütteln? Der Soziologe versucht es mit seinen Analysen. Der Minister mit dem Predigtton der Fünfzigerjahre: „Lebe deine Verantwortung.“(S.188) Im letzten Wahlkampf haben diese Fragen kaum eine Rolle gespielt.

In unserer Stadt geht man nach dem Gottesdienst zum „Goldenen Oktober“, einem verkaufsoffenen Sonntag, der dem städtischen Einzelhandel einen für nötig gehaltenen Umsatzschub geben soll.

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