Ein Mensch brennt

Der Artikel „Kein Denkmal für den Unergründlichen (!)“ im Schwäbischen Tagblatt hat mich zur Lesung in die Buchhandlung Osiander gelockt. Der Autor Nikol Ljubic hat einen halbbiografischen Roman „Ein Mensch brennt“ (dtv 2017) über Hartmut Gründler veröffentlicht. Tatsächlich kommt aber der rigorose Anti-Atom-Kämpfer nur indirekt vor. Der Verlag wirbt:

Wenn es um Fußball geht, kann man dem zehnjährigen Hanno Kelsterberg nichts vormachen. In Sachen Protest allerdings auch nicht. Seit zwei Jahre zuvor der asketische Hartmut Gründler ins Souterrain der Familie zog und sich als unbeugsamer Politkämpfer entpuppte, steht Hannos einst heile Welt auf dem Kopf. Statt Fußball zu spielen, muss er nun mit zu Demos und verteilt Handzettel. Während der Vater den Mann im Keller zunächst belächelt, gerät die Mutter in den Bann des kompromisslosen Idealisten, die Ehe zerbricht. Ein provokanter und berührender Roman über eine Familie, die unversehens von der Zeitgeschichte gestreift wird.“

Ich merke bei der Lesung, dass meine Gedanken abschweifen, weil mich der fiktive Familienroman nicht wirklich interessiert. Tatsächlich steigen meine eigenen Erinnerungen an Hartmut wieder auf. Es ist, als hätte ich ihn erst kürzlich gesprochen: Wie er mich in ständige Debatten über den Atomtod verwickelt, wie er mir seine Flugblätter aufdrängt, wie er den „Weltladen“ ausmauert und doch in jeder Gruppensitzung auf sein ureigenes Thema kommt, wie er über Gandhi philosophiert, wie er mit mir zum Frankfurter Kirchentag fährt, wie er mir mit seinen Fastenaktionen auf die Nerven fällt, wie er mit mir zum geplanten und dann verhinderten Atomkraftwerk nach Wyhl trampt, wie er sich nicht von seinen radikalen Ideen abbringen lässt und sich schließlich am Buß- und Bettag 1977 in Hamburg verbrennt. Wie ich dann seine Beerdigung halte. Wie die folgende Gedenkveranstaltung in der Uni als Tollhaus endet. Wie ich den Nachruf in der Zeitung schreibe, weil der Lokalredakteur keine Lust hat. Und wie später an jedem Buß- und Bettag seine Freunde gegen das Vergessen kämpfen.

Und ich frage bei der Lesung, warum der offensichtlich begabte Journalist und Schriftsteller Ljubic nicht eine echte Biografie schreiben wollte. Im Internet ist ja einiges über Gründler zu finden. Recht gut finde ich unter anderem den Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Gr%C3%BCndler.

Ein paar wenige alte Mitstreiter aus jener Zeit sind zur Lesung erschienen. Doch der Roman reizt nicht zu großen Debatten. Vielleicht kann man an seinem 40.Todestag noch einmal eine würdige Gedenkveranstaltung organisieren. Vielleicht lässt sich auch der Vorschlag des Redakteurs des Schwäbischen Tagblatts realisieren, wenigstens eine Tübinger Straße nach ihm zu benennen. Vielleicht findet er im Jahr der Regierungsbeteiligung der „Grünen“ auch noch einen kundigen Biografen? Sein Nachlass ist schließlich noch da.

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