Gewalt in der Bibel

„Pfarrsenioren“ nennen sich einige Pfarrer im Ruhestand, die sich zum regelmäßigen Gedankenaustausch treffen. Diesmal geht es um “Gewalt in der Bibel“, eigentlich auch um Gewalt im Namen Gottes. Zwar finde ich, dass das Thema nach einer ganzen zehnjährigen ökumenischen „Dekade Gewalt überwinden“ für mich etwas „ausgelutscht“ ist, aber in der Gegenwart mehren sich ja die Stimmen, die Religion grundsätzlich für Gewalt verantwortlich machen. Neben der „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Deschner), jüdischen Fundamentalisten oder den IS-Muslimen hat nun auch der Buddhismus (in Myanmar einmal mehr) seine angeblich pazifistische Unschuld verloren. Grund genug also, um den Ausführungen eines Prälaten i.R. zu lauschen.

Er beginnt mit der archetypischen Geschichte von Kain und Abel. Dieser Brudermord im Rahmen der religiösen Übung (Opfer) hat ja den humanisierenden Schluss, dass der Mörder nicht nur durch das Kainszeichen vor Rache geschützt wird, sondern er kann sogar eine Familie gründen und zum Ahnherrn der Städtebauer werden. Diese „Gewalt mindernde“ Urgeschichte setzt sich in der Bibel fort, obwohl in aller Nüchternheit die Formen menschlicher Gewalt geschildert werden.

Wie steht es aber mit der „göttlichen Gewalt“? Kann man die Sintflut etwa mit dem Bild eines die Menschen liebenden Gottes vereinbaren? Steht der „oberste Kriegsherr seines Volkes“ immer auf der Seite des Rechts? Man denke nur an die sogenannte „Landnahme“. Stimmt es, dass der im Alten Testament „Gewalt ausübende Gott“ eben nicht wie die antiken Götter nach Lust und Laune agiert, sondern Gewalt reguliert und faktisch eindämmt, indem er sie für sich allein beansprucht: „Mein ist die Rache“ (5.Mose 32,35)? Man vergleiche dazu übrigens die Aktualisierung in der Ballade „Die Füße im Feuer“, wo der reformierte Christ mit diesem Bibelwort auf die eigene Vergeltung verzichtet. Sind also die Glaubensgeschichten der Bibel eigentlich Lebensgeschichten, in denen offenkundig widersprüchliche Gottesbilder widersprüchliche Erfahrungen mit Gott widerspiegeln?

Eine Wende vom „Gott der Gewalt“ zum „Gott des Friedens“ kann man im Alten Testament mehrfach beobachten. So wird der Prophet Elia bekehrt, der eben noch die heidnischen Priester vernichtete und nun Gott nicht im Feuer oder Beben erkennt, sondern im sanften Windhauch. Das Kindsopfer des Isaak wird eben nicht vollzogen, sondern durch ein Tieropfer abgelöst. Und schließlich lernt Israel im Exil, dass Gott kein Stammesgott ist, sondern als Schöpfer der Welt allen Menschen zugetan.

Fazit: „Wir müssen die Bibel lesen in dem Gefälle der Überwindung von Gewalt durch die Überwindung eines nationalistischen ausgrenzenden Gottesbildes hin zu einem universalen Gott, der mit seinem Schalom am Ende die Völker befriedet.“

Nun kann man nicht bestreiten, dass etwa evangelikale Christen bis hin zum amerikanischen KuKluxKlan andere Lesarten bieten. Sie nutzen das Alte Testament für ihre mörderische Religion. Kein Wunder also, dass sich viele Humanisten angewidert abwenden und grundsätzlich alle Religion für gewalttätig halten.

Doch der Tübinger Friedensforscher Professor Hasenclever hat nachgewiesen, dass die religiöse Aufladung bewaffneter Konflikte diese nicht vergrößert, intensiviert oder verlängert habe. Sie haben meist nichtreligiöse Ursachen. Im Gegenteil: Viele Religionsvertreter haben sich für Frieden und Versöhnung eingesetzt.

Für evangelische Christen ist bei der Lektüre der Bibel das lutherische Kriterium „was Christum treibet“ hilfreich. Damit haben wir einen Maßstab, mit dem wir biblische Texte lesen und unter Umständen auch widersprechen. Martin Luther selber war so frei, selbst neutestamentliche Schriften als „stroherne Epistel“ abzulehnen. „Die Bibel beim Wort nehmen“ (sola scriptura) heißt nicht, alle Bibelstellen wörtlich zu nehmen (tota scriptura). Was das konkret heißt, muss im Gespräch geklärt werden. Darum ist zu wünschen, dass in evangelischen Gemeinden wieder mehr Debatten über Bibeltexte geführt werden. Wie es die Pfarrsenioren neulich geübt haben.

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