Jahrgang 1947

Aus meiner Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum 70iger Jahrgänger-Fest :

1947: In Deutschland wird gehamstert. Kohlenklau und Schwarzmarkt. Menschen sammeln Zigarettenkippen der Besatzungssoldaten. 20-30 Kippen konnte man gegen ein Ei eintauschen. Vermutlich sind die meisten von uns in diesem Jahr 1947 auch getauft worden. Wir können uns daran nicht erinnern. Vielleicht hat man uns davon erzählt. Gegen die Säuglingstaufe gibt es heute viele Einwände. Ich finde sie aber nicht nur berechtigt, sondern auch wichtig. Sie symbolisiert nämlich das große JA Gottes. Unter welchen Umständen auch immer wir entstanden sind: Die Taufe bedeutet: Du bist von Gott liebevoll angenommen. Du darfst sein, was immer du tust. Und was immer dir angetan wird. Und wenn Eltern und Paten ihr Amt ernst genommen haben, dann haben sie nicht nur für uns, sondern auch mit uns gebetet. (Das dürfen übrigens auch Großeltern tun, die viele von ja nun sind.) Es war für unsere Familien nach dem Krieg eine schwere Zeit.

1957: Trotzdem erinnere ich eine schöne Kindheit. Dass unsere erste Klassenlehrerin, jung und hübsch, eine Kriegerwitwe war, kapierte ich erst später. Dass manche Lehrer mit einem Trauma aus dem Krieg gekommen waren, fand wenig Verständnis bei uns. Es waren autoritäre Typen, gegen die man sich wehren musste. Die Eltern hatten nicht zu viel Zeit für uns. Der Schulweg war ein Abenteuerspielplatz, manchmal an Trümmergrundstücken vorbei. Für manche von uns stand ein Schulwechsel an. Nicht jeder war da erfolgreich. Insgesamt aber hatte man neben der Schule noch Zeit für eigene Interessen. Die CDU hatte mit Adenauer die absolute Mehrheit und regierte allein. Das deutsche Wirtschaftswunder war im Westen zu spüren, im Osten sah es noch ärmlich aus. Die beiden Staaten entwickelten sich auseinander. Für unsern Jahrgang war nun prägend, ob man im Westen oder im Osten zur Schule ging. Die „Gnade der späten Geburt“ hing auch von der Geografie ab: Stuttgart oder Rostock – das machte einen Unterschied, den man noch heute spüren kann.

In jenen 50iger Jahren gab es für die einen Erstkommunion, für die andern Konfirmation. Sie machten uns mit Traditionen bekannt, die wir nicht immer verstanden, vielleicht bald auch ablehnten. Es ist in Ordnung, wenn der einfache Glaube eines Kindes in Frage gestellt wird und man sich von der Tradition entfernt. Viele nähern sich dem im Alter wieder an. Es gibt ein tragfähiges kindliches Vertrauen, das nicht kindisch ist, weil es durch manche Brüche hindurch erworben oder geschenkt ist. Wir haben viele Theorien gelernt. Aber der Glaube hilft wenig, wenn er nur im Kopf in gelehrten Gedanken stattfindet. Was uns zum Leben und Sterben hilft, muss so einfach sein, dass Kinder es bereits verstehen und Sterbende noch irgendwie spüren können. Zum Beispiel eine segnende Hand mit dem biblischen Zuspruch: „Fürchte dich nicht! Es ist alles gut.“

1967: Die erste große Koalition der Bundesrepublik veränderte die Fronten. Auch wer nicht wie ich in Berlin studierte, kam die Folgen der Studentenbewegung zu spüren. Erst an den Universitäten, dann an den Schulen, zuletzt aber auch im Beruf veränderten sich die Verhältnisse. Alte Sitten wurden in Frage gestellt, aber auch alte Fronten aufgelöst. Die lange verfeindeten Geschwister Katholische und Evangelische Kirche gingen aufeinander zu und übten neu die Ökumene. Viele lernten nun im Beruf den wahren Ernst des Lebens kennen. Manche heirateten und gründeten eine Familie. Die Frauen meistens früher als die Männer. Die deutsche Teilung verfestigte sich nach dem Mauerbau und schien für ewige Zeiten zu gelten. Doch nichts ist ewig, was Menschen bauen. Das kann manchmal auch ein Trost sein. „Alles vergehet, Gott aber stehet…“ wie es in dem Choral „Die güldne Sonne…“ von Paul Gerhardt heißt.

1977: Ehe man sich’s versah, war man plötzlich 30. Wer noch den Spruch auf den Lippen hatte: „Trau keinem über 30, sah sich plötzlich auf der andern Seite der Schranke. Als Eltern hatte man nun die Herausforderung, dass man nicht einfach nach alter Art erziehen konnte. Wir wollten vieles besser, zumindest anders machen. Reformen waren überall angesagt. Einer Minderheit genügte das nicht und glitt in den Terror ab. Die RAF versetzte das Land in einen Ausnahmezustand. Erstmals redete man in der Bundesrepublik von „Innerer Sicherheit“, die bis dahin eigentlich kein großes Thema war. Wir lernen, wie Idealisten zu Menschenverächtern werden können. Wie die Suche nach Gerechtigkeit in Terror umschlagen kann, wenn sie sich nicht schlicht mit Nächstenliebe und Selbstkritik (in der Kirche „Buße“ genannt) verbindet. Es ist ein Vorzug unserer christlich geprägten Gesellschaft, wenn ein Verfassungsfeind umkehrt und sogar Ministerpräsident unseres Landes werden kann.

1987: Man sagt: „Mit 40 wird der Schwabe gescheit.“ Jetzt hat man sein Haus bestellt und die berüchtigte „midlife-Krise“ fordert einen heraus. Beziehungen funktionieren nicht mehr nach altem Brauch, sondern müssen neu ausgehandelt werden. Die Emanzipation der Frauen setzt manchen Männern zu. Trennungen werden nicht mehr gesellschaftlich geächtet, Scheidungen sind keine Schande mehr. Politisch zeigen sich erste Risse im bis dahin stabilen Gegensatz West- und Ostblock. Der alles lähmende Kalte Krieg wird durch „Tauwetter“ zunehmend überwunden. Die DDR ist pleite, was nicht länger kaschiert werden kann. Die „friedliche Revolution“ – maßgeblich durch die DDR-Kirchen beeinflusst –  führt zwei Jahre später zur Wiedervereinigung. In jenen Jahren entsteht ein Lied, das eigentlich für eine Hochzeit geschrieben wurde, aber bald zur Hymne der christlichen Friedensbewegung wird: „Vertraut den neuen Wegen“. Der Text der 3. Strophe ist auch für unser 70iger Fest geeignet: „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“

1997: Doch die Wiedervereinigung bringt nur kurze Freude. Während wir unsern 50. Geburtstag feiern dürfen und mancher sich in seinen Erfolgen sonnt, geht die soziale Schere nicht nur zwischen Ost und West weiter auf. Unsere Stadt wird bunter. Zunächst kaum beachtet siedeln sich nicht nur immer mehr Nord- und Ostdeutsche hier an, die sich mehr oder wenig gut integrieren. Es sind nun auch Menschen von weither in der Stadt. Deutsche aus Russland haben Mühe, die heutige Realität mit ihrem Traum von Deutschland zur Deckung zu bringen. In der Stadt Rottenburg zählt man aber schon Menschen aus über hundert Nationen. Jetzt wird es ernst, dass „Ökumene“ die ganze „bewohnte Welt“ meint. Jetzt muss sich zeigen, ob „katholisch“ (griechisch: katholikós) wirklich meint „allumfassend“ (oder nur römisch) – und dies natürlich nicht imperialistisch, sondern diakonisch, dienend. Darf ich mal diese Stadt loben? Der Einsatz für „Reingeschmeckte“ ist enorm. Ich war völlig verblüfft, als ich damals – neu in der Stadt – selbstverständlich zu „meinem Jahrgang 1947“ eingeladen wurde.

2007: Zur Jahrtausendwende hat man von friedlichen Utopien geträumt. Als ob allein ein neuer Kalender einen neuen Menschen hervorbringt. Inzwischen ist Ernüchterung eingetreten. Während Deutschland international noch ganz gut dasteht, nehmen die auswärtigen Konflikte zu. Immer mehr Migranten kommen in die Stadt. Nachdem Katholiken und Protestanten miteinander ihren Frieden gemacht und zur Zusammenarbeit gefunden haben, tritt mit dem Islam eine neue Größe auf. Interreligiöse Beziehungen nehmen gesellschaftlich und privat zu. Die religiöse Lage pluralisiert sich. Der christliche Glaube bietet nicht mehr selbstverständlich die gesellschaftliche Grundlage. Kann man den nachchristlichen Humanismus noch wie einen „verlorenen Sohn“ betrachten, stellen selbstbewusste Muslime konkurrierende Ansprüche. Noch ist nicht klar, wie diese Begegnung politisch ausgeht. Viele sind durch Angst davor geprägt. Spirituell ist es jedenfalls leichter, wenn wir bereit sind, die Schätze in anderen Kulturen und Religionen zu entdecken.

2017: Und heute? Erstmals erleben wir eine Bundestagswahl, in der bisherige Konsens-Überzeugungen in Frage gestellt werden. Viele sind erschrocken über den Hass, der an manchen Orten, aber vor allem auch im Internet sich austobt. Zur Altersweisheit gehört wohl, dass man nicht jede rhetorische Übertreibung ernst nimmt. Unsere Aufgabe bleibt aber, dass wir uns mit unserer Erfahrung einbringen. Stimmabgabe ist wichtig. Noch wichtiger ist aber die ständige Mitarbeit, die unsere demokratische Gesellschaft bietet und braucht. Unsere Generation hat die Demokratie nicht erfunden, sie sich aber zu eigen gemacht. Wir werden sie nicht widerstandslos ihren Feinden überlassen.

 

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