Vietnamkrieg im TV

In ARTE-TV mute ich mir die neunteilige Dokumentarfilmreihe von Ken Burns und Lynn Novick zum Vietnamkrieg zu. Sie ist so umfassend wie keine andere, wobei die ARTE-Fassung sogar gekürzt ist. Sie lässt etwa 80 Zeitzeugen zu Wort kommen, darunter zahlreiche Amerikaner und Vietnamesen, Kämpfer und Zivilisten auf beiden Seiten.

Dieser Krieg war der erste, gegen den ich als junger Student 1966 protestierte, als unsere bundesdeutschen Politiker sich zu Komplizen der verbrecherischen US-Regierung machten: Nicht nur welche von der CDU, sondern leider auch die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt von der SPD. Man wollte uns weismachen, dass Berlins Freiheit in Vietnam verteidigt wird. Es waren solche Lügen, die uns auf die Straße trieben und die mich noch heute empören. Dabei gehörte ich nicht zu denen, die nun die vietnamesischen Kommunisten idealisierten. Ich ahnte, dass auch dort die Wahrheit das erste Opfer eines Krieges ist. Allerdings enthüllt der Dokumentarfilm einige Tatsachen, die ich bisher nicht wusste.

„Wer hätte etwa gewusst, dass ein Team der OSS – der Vorgängerorganisation der CIA im Zweiten Weltkrieg – 1945 über den Dschungeln von Vietnam absprang? Dass die Amerikaner damals den kranken Nguyen Sinh Cung, besser bekannt unter seinem Decknamen Ho Chi Minh, wieder hochpäppelten?

Wer hätte gewusst, dass Ho Chi Minh, als er nach dem Zweiten Weltkrieg die Unabhängigkeit von Vietnam verkündete, Thomas Jeffersons „Declaration of Independence“ zitierte – und dass dabei ein Offizier der OSS neben ihm auf der Rednertribüne stand?

Allerdings kann man sich fragen, wie viel von der demokratischen Rhetorik ernst gemeint war: Ho Chi Minh war schon damals ein überzeugter Kommunist, ein Agent der Komintern, und der Viet Minh – die vietnamesische Unabhängigkeitsbewegung – wurde längst von Kommunisten kontrolliert und ging gegen Kontrahenten mit unerhörter Grausamkeit vor.“ (Hannes Stein)

Burns zeigt die amerikanischen Kriegsverbrechen, von denen wir damals schon wussten. Aber er widerspricht auch der offiziellen vietnamesischen Version, es habe sich um einen heroischen Befreiungskrieg gehandelt. Lange bevor die Amerikaner eingriffen, war es schon ein Bürgerkrieg mit verwirrend vielen Parteien. Rücksichtsvoll war niemand.

Die Kommunisten hatten die Spezialität, ihre Feinde bei lebendigem Leib einzugraben. In einer Folge des Films berichten zwei nordvietnamesische Veteranen freimütig von der Schlacht von Hue, bei der im Februar 1968 2800 Südvietnamesen, unter ihnen Zivilisten, massakriert wurden – eine Sensation, denn das Regime in Hanoi leugnet dieses Massaker bis heute.

Dass seit Truman die amerikanische Bevölkerung hinters Licht geführt wurde, ist deutlich zu sehen. Dass aber offenbar die amerikanischen Generäle ihren eigenen Präsidenten Johnson falsch informierten, ist mir neu. Und dass der Präsidentschaftskandidat Nixon mit südvietnamesischer Hilfe trickreich die Wahl gewinnen konnte, höre ich erstmals. „Fakenews“ sind wahrlich keine Erfindung von Präsident Trump. Erschütternd ist im Grunde, dass Propagandalügen immer wieder erfolgreich sind. Zu viele Menschen wollen sie glauben.

Wenn man sich fragt, warum die USA nach Abzug der Franzosen überhaupt in diesen Konflikt eingestiegen sind, obwohl sie doch anders als diese keine kolonialen Interessen haben, dann muss man den blinden Antikommunismus nennen. Offenbar war die Angst vorm Kommunismus so groß, dass weite Kreise des amerikanischen Establishments immun für Selbstkritik wurden. Lieber eskalierte man den Krieg bis zur Erschöpfung.

Hat die Menschheit nun daraus gelernt? Ist man kritischer? Ich bezweifle das. Das Militär hat allerdings gelernt, dass es nie wieder solch freie Berichtserstattung während eines Krieges zulässt. Im Irakkrieg z.B. waren die Journalisten in die Kriegführung und ihre Propaganda eingebunden.

Der Film ist in der ARTE- Mediathek noch zu sehen. Ein guter Bericht darüber ist in http://www.spiegel.de/kultur/tv/the-vietnam-war-von-ken-burns-breaking-really-bad-a-1168641.html zu finden.

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