Wahlkampf

Das waren noch Zeiten, als ich als junges Parteimitglied Plakate klebte, Prospekte verteilte und in Versammlungen die Gegenkandidaten ausbuhte. Es ging mindestens um den drohenden „Untergang Deutschlands“. Dann aber wurden Koalitionen geschmiedet und das einfache Mitglied wurde nicht mehr gefragt. Bevor ich Pfarrer wurde trat ich aus.

Es ist hoffentlich keine Alterserscheinung, dass ich den ganzen Wahltrubel nicht mehr brauche. Klar, dass die Medien gern Futter haben möchten. Wenn schon die entscheidenden politischen Fragen zu kompliziert sind, dann kann man sich immer noch über rhetorische Entgleisungen aufregen. Oder man produziert die nervigen Umfragen. Sie lenken womöglich von sachlichen Analysen ab. Dabei ist es doch einfach:

Wer mit der Regierung im Großen und Ganzen zufrieden ist, wählt eine der Koalitionsparteien, die sich immerhin in manchen Politikfeldern unterscheiden. Deren Direktkandidaten sind oft ohnehin die einzigen, die eine reelle Chance auf den Einzug in den Bundestag haben.

Wer nicht zufrieden ist, hat mittlerweile eine Auswahl kleinerer Parteien, deren Gewicht man mit seiner Stimme verstärken kann.

Ich habe mir die Programme zur letzten Wahl angeschaut, sie mit den aktuellen verglichen und geprüft, was davon denn umgesetzt wurde. Dann überlege ich, was am besten dem Gemeinwohl dient. Wohlfeile Sprüche gehören nicht dazu.

Schließlich habe ich per Briefwahl abgestimmt und kann darum das aktuelle Theater ignorieren. Ich möchte meine Zeit besser verwenden. Mir fällt dazu ein Fluch ein, der angeblich aus dem chinesischen Zitatenschatz stammt: „Mögest Du in aufregenden Zeiten leben!“ Ein Fluch wohlgemerkt. Allerdings konnte noch niemand diesen Satz in der chinesischen Literatur nachweisen. Vielleicht ist er gut erfunden.

Der deutsche Philosoph Hegel hat aber in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte bemerkt: „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“

Also sollte man sich über Langeweile nicht beklagen. Mein Jahrgänger, der Philosoph Peter Sloterdijk, tut es trotzdem. Der Formulierungskünstler hat für die gegenwärtige deutsche Politik den Begriff „Lethargokratie“ gefunden:

„Lethargokratisch ist in der Tat Merkels beharrlicher Gebrauch der Langeweile-Waffe, mit deren Hilfe sie einen beachtlichen Teil der Bevölkerung dazu angeleitet hat, sich für politische Angelegenheiten nicht mehr besonders zu interessieren. Diesem Zweck dient auch die kalkulierte Kunstlosigkeit ihrer Sprache, die jeden Anflug von Interessantheit aus dem politischen Geschäft verbannt, um vom Geist der Zuspitzung nicht zu reden… Aus ihrer Sicht besetzt Angela Merkel eine wesentliche Position in der Geschichte der Politik der Entpolitisierung. Ihr Quasimatriarchat erscheint manchen Analytikern als ein Schachzug, den man in Strategen-Kreisen als die Methode der «asymmetrischen Demobilisierung» kennzeichnet.

Sie besteht im Wesentlichen darin, die politische Szene als ganze so lange mit Chloroform einzusprühen, bis große Teile der Population in eine Art Halbschlaf versinken. Dabei ist die Regel zu beachten, dass das gegnerische Lager stärker zu betäuben ist als das eigene. Kommt es zur Wahl, soll die eigene Gefolgschaft eher auf den Beinen sein als die des Gegners.“

Entpolitisierung ist eine wirkliche Gefahr für die Demokratie. Darum freue ich mich über die vielen Initiativen, die in und vor allem außerhalb von Parteien sich gebildet haben. Sie haben schon so manche Entscheidung der Regierung beeinflusst, die diese laut Programm nicht beabsichtigt hatte. Wenn die Konsumentenmacht endlich auch an Einfluss gewinnt, können selbstbewusste Demokraten sogar den vielen Lobbyisten etwas entgegensetzen. Jeden Tag unterstütze ich im Internet eine Petition, für die ich nicht einmal auf die Straße gehen muss.

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