Der Stern von Indien

1972 hatte ich die Gelegenheit Ostpakistan zu bereisen, das sich gerade nach einem grausamen Bürgerkrieg von Westpakistan getrennt hatte und als Bangladesh eine unabhängige Nation werden sollte. In der Hauptstadt erlebten wir Studenten einen aggressiven, ethnisch bestimmten Wahlkampf. (Seitdem weiß ich langweilige Wahlkämpfe zu schätzen.) Diese Erinnerungen kommen wieder hoch, wenn ich jetzt die Nachrichten von ethnischen Kriegen in Myanmar sehen muss, die man nicht zu Unrecht auf die britische Kolonialzeit zurückführt. Andererseits könnte man nach drei Generationen hoffen, dass alte Konflikte endlich einmal überwunden werden. Doch nicht nur in Kaschmir bricht der religiös geschürte Hass immer wieder auf.

Leider wenige Tage nur läuft hier der Film „Der Stern von Indien“ (Original: „Viceroy’s House“), der von der schweren Geburt der beiden Nachfolgestaaten Indische Union und Pakistan im August 1947 erzählt.

Man kennt historische „Dokudramen“ vom Fernsehen, in denen archiviertes Filmmaterial mit Spielfilmszenen kombiniert werden. Das sind oft nette Geschichtslektionen.

Leider kann sich die Regisseurin Gurinder Chadar nicht entschließen, ob sie mehr unterhalten oder historisch informieren will. Eine ziemlich aufgesetzte Liebesgeschichte, hölzerne Polit-Dialoge und reichliche Kostümschau wechseln mit alten Wochenschauaufnahmen.

Der ehemalige Admiral und Abkömmling der Queen Victoria Lord Mountbatten soll als Vizekönig die bisherige Kronkolonie in die Unabhängigkeit führen. Doch der Führer der Muslim-Liga Ali Jinnah will für seine Glaubensgenossen einen eigenen Staat. Die mehrheitlich von Hindus dominierte Kongresspartei unter Nehru möchte das vergeblich verhindern. Der am 3. Juni 1947 veröffentlichte „Mountbattenplan“ legte die künftigen Grenzen fest. Was der Vizekönig nicht wusste – mir war das bisher auch nicht bekannt! -: Der britische Premierminister Churchill hatte diese Aufteilung schon einige Jahre vorher beschlossen, um einen Zugang der Sowjetunion zum arabischen Öl zu verhindern. Im Sinne einer „Zwei-Nationen-Theorie“ wurde der Kontinent geteilt und in die fragile Unabhängigkeit entlassen. Nach dem großen Jubel folgt das schlimme Erwachen. Den folgenden Terror spart der Film nicht aus. Nicht erwähnt wird, dass es über die bis heute ungelöste Zugehörigkeit Kaschmirs zu einem ersten regelrechten Indisch-Pakistanischen Krieg kam.

Die Regisseurin arbeitet mit dem Film auch ihre eigene Familiengeschichte auf. Ihre Vorfahren wurden aus Punjab vertrieben. Angeblich interessieren sich ihre eigenen Kinder nicht mehr dafür. So wollte sie für die junge Generation diesen Film mit hohem Unterhaltungswert drehen.

Mir reichte 1972 ein Roman des indischen Autors Kushwant Singh, um diese Tragödie zu verstehen. Erstmals 1956 erschienen, stellt sein Buch ein geschickt arrangiertes soziales und politisches Sittengemälde des Jahres 1947 in Indien dar. Straff erzählt, bietet Singh authentische Elemente und die ganze Vielfalt des Personals vom Idealisten bis zum Proletarier. 2008 gab es eine neue Übersetzung: Khushwant Singh, Der Zug nach Pakistan, Insel Verlag Frankfurt.

1998 verfilmte Pamela Rooks den Roman unter dem Titel „Train to Pakistan“. Er ist bei youtube zu sehen. https://www.youtube.com/watch?v=lOfSdEPDQQ0.

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