Aurundhati Roy in Tübingen

Seit meinem Praktikum 1972  in der Gandhi-Peace-Foundation bei Bangelore beschäftige ich mich mit diesem faszinierenden Indien in allen möglichen Aspekten. In jugendlicher Unbekümmertheit dachte ich damals, dass das Problem der Armut und des Kastenunwesens in wenigen Jahrzehnten gelöst sei. Es war mein Glück, dass ich als Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll jährlich Indien-Tagungen organisieren konnte. Allerdings konnte ich mich nie über einen derartigen Zuspruch wie gesternabend freuen. Literatur ist eben attraktiver als entwicklungspolitische Menschenrechtsarbeit.Das Audimax der Universität Tübingen füllte sich bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung mit der berühmten indischen Schriftstellerin  Arundhati Roy. Sie ließ sich zu ihrem neuen Buch „Das Ministerium des äußersten Glück“ interviewen und  las daraus einige Passagen in ihrem „indianenglish“ selbst. Andere Teile der schon berühmten Übersetzung wurden von einer Schauspielerin vorgetragen.

Ihren ersten Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ von 2007, der wesentlich in ihrer Heimat Kerala spielt,  habe ich mit Begeisterung gelesen. Dann kamen  politische Essays, Reportagen über den Guerillakampf der Maoisten in den indischen Wäldern. Sie warf sich als Aktivistin in vorderste Front, wenn es um Atomwaffen, Staudämme, Umsiedlung, Umweltzerstörung und immer wieder Kaschmir ging. Sie musste und muss (!) wegen ihrer Aussagen ihre Ermordung fürchten.  Wenn man diese zierlich Frau leibhaftig sieht, kann man kaum glauben, welche Kraft von ihr ausgeht. Mit dem neuen Roman, der den Kaschmir-Konflikt aufnimmt, habe ich allerdings Mühe. Und nicht nur ich.

Jede Nach rollt Anjum, oder von hinten gelesen Mujna, ihre Schlafmatte auf einem Friedhof in Delhi aus. Das ist keine Phantasie. Viele arme Leute leben dort tatsächlich zwischen den Gräbern. Sie sei alle, erklärt sie, entzieht sich möglichen Definitionen. „Ich bin „mehfil“, eine Versammlung von allen und niemand“, sagt sie über sich.

Anjum ist eine Intersexuelle, geboren Ende des 20. Jahrhunderts, aufgewachsen als Junge. Sie suchte Zuflucht in einem Bordell, ließ sich umoperieren und ist nun, nach einem traumatischen Gewalterlebnis, innerlich zersplittert. Als sie versteht, dass sie selbst in ihrer Wahlheimat unter den anderen Transfrauen in Stereotype gepfercht wird, fängt Anjum neu an. Auf dem Friedhof – als ob sie erst hier, auf den Schichten so vieler vergangener Leben, eine neue Zukunft entwerfen könnte.

Es geht um nichts weniger als die politische Identität Kaschmirs, und Indiens. Im Zentrum: Eine von Anjum erdachte Glücksrepublik, die sich auf jenem Friedhof immer weiter ausbreitet. So, dass alles ein einziger Schwellenraum wird ohne fixes Innen und Außen. Wo alle Platz haben, die kommen wollen.

Arundhati Roy hat ein Universum entworfen, in dem sich viele Perspektiven nach und nach ergänzen, wenn sich die Mosaikstücke zu einem großen Ganzen füllen. Wie sie in einem berühmten Essay gegen Atomwaffen schrieb:

„Hiermit erkläre ich mich als unabhängige, mobile Republik. Ich bin eine Bürgerin der Erde. Ich besitze kein Land. Ich habe keine Flagge. Ich bin eine Frau, habe aber nichts gegen Eunuchen“. Aber darüber wurde gesternabend nicht diskutiert.

Für einige Fragen war noch Zeit, die aber eher im literarischen Horizont blieben. Politik wurde weithin ausgeklammert. Dabei wäre die Meinung der Autorin doch interessant gewesen, wie sie etwa die Politik der Bundesregierung findet.

Da der langjährige Leiter der „Dalit-Solidarität“ Walter Hahn im Hörsaal war, aber sich nicht meldete, möchte ich wenigstens auf deren Internetauftritt hinweisen. An dieser „Dalit-Solidarität“ beteiligen sich alle möglichen kirchlichen Organisationen, die sich für die Dalits, die „Kastenlosen“ einsetzen. Man kann nämlich etwas konkret tun.

http://www.dalit.de

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