Ökumene in Wittenberg

Da in Thailand gerade die Pfarrer wechseln, wurde ich gebeten, noch einmal für das „Begegnungszentrum Pattaya“ zur Verfügung zu stehen, und zwar in Wittenberg im „Gasthaus Ökumene“ der EKD. In diesem Pavillon trafen sich diverse Gemeinden, Gruppen oder einzelne Persönlichkeiten aus der weltweiten Kirche. In unserer Woche waren neben der deutschsprachigen Gemeinde in Thailand die Lutherische Kirche Georgiens und Protestanten aus San Francisco zugegen.

Darüberhinaus hatte ich Gelegenheit, die Lutherstadt einmal wiederzusehen. Ich habe mich gefreut, dass das Reformationsjubiläum für einen gehörigen Renovierungsschub im Ort gesorgt hat.

In der „Weltausstellung Reformation“ gab es den ganzen Sommer über enorm viele Ausstellungen und Veranstaltungen, dazu Konzerte und Aktionen aller Art. Fast 300000 Besucher wurden gezählt. Besonders eindrucksvoll fand ich die Kunstausstellung „Luther und die Avantgarde“, die allein 31000 Besucher anlockte. Leider hatte ich das berühmte „Asisi-Panorama“ nicht geschafft. Aber das ist noch länger zu sehen. Die „Reformationsbotschafterin“ Margot Käßmann will ein Buch mit ihren Beobachtungen herausgeben. Sie war vielfach unterwegs und hat die Predigt im Abschlussgottesdienst gehalten.

Mit Blick auf die zahlreichen Besucher aus dem Ausland zum Reformationsjubiläum sagte Käßmann, »2017 haben wir nicht deutsch-national gefeiert, sondern international…In einer Zeit, in der so manche in Europa, den USA und andernorts Nationalismus aus der Mottenkiste der Geschichte holen wollen, sagen wir: Nein! Wir sind eine Kirche über nationale Grenzen hinweg«, betonte die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende. Man kann den Gottesdienst in der ZDF-Mediathek anschauen: https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste/evangelischer-gottesdienst-252.html

Wie bei großen Kirchentagen finde ich immer die kleine Begegnungen wertvoller als die medienwirksamen Großveranstaltungen. Wann kann ich schon einmal sonst mit einer lutherischen Pastorin aus Georgien mich ausführlich unterhalten? Ich finde es erfreulich, dass es in diesem orthodoxen Land mit seinem mich mittelalterlich anmutenden Klerus überhaupt Evangelische gibt und diese nicht wie sonst in der ehemaligen Sowjetunion die Orthodoxen noch reaktionär übertreffen. Sondern beherzte Frauen die Kirche neu aufbauen und leiten.

Ebenso erfrischend war die Begegnung mit Christen aus Kalifornien, weil sie einen angenehmen Kontrast zur Politik ihres Präsidenten bieten. Sie kümmern sich nämlich um die Einwanderer am Rand der Gesellschaft, die viele ausgrenzen möchten.

Bei Professor Wellenreuther hatte ich gelesen: «Die Freiheit eines Christenmenschen» umfasst in Nordamerika nicht nur den religiösen Menschen, sondern auch den Bürger mit seinen Rechten und Pflichten. Freiheit bedeutet für ihn nicht, Rechte und Pflichten an den Staat zu delegieren, sondern diese auch mit den damit verbundenen finanziellen Verpflichtungen wahrzunehmen. Dass dies auch das Recht auf Schutz des eigenen Lebens und damit den Besitz von Waffen impliziert, sei nur am Rande erwähnt.

Für viele amerikanische Bürger ist Freiheit nicht nur ein politischer, sondern – und dies ist lutherisch gedacht – auch ein religiöser Wert. Und den muss man nicht nur glauben und leben, sondern für den muss man auch etwas tun – auch mit dem Geldbeutel. Geht man am Sonntag in die presbyterianische Kirche, dann zückt hier wie überall sonst in den USA der Kirchgänger, der meist auch Gläubiger ist, einmal im Monat sein Checkbuch – er schreibt einen Check, steckt ihn in ein vorbereitetes Couvert und deponiert dieses in einem Fach vor seinem Sitz. Kirche, Gottesdienst, Pfarrer, caritatives Engagement der Gemeinde, Kirchen- und Gemeindegebäude – all dies kostet Geld und wird mit Spenden bezahlt… Ansätze zur Erinnerung an das Luther-Jubiläum sind, soweit feststellbar, alle von Deutschland initiiert. Wirkungsmächtig sind dabei die drei großen Ausstellungen «Martin Luther: Art and the Reformation»«Word and Image. Martin Luther’s Reformation» und «Law and Grace: Martin Luther, Lucas Cranach and the Promise of Salvation», die bis Januar 2017 mit hohem finanziellem Aufwand der deutschen Regierung in Minneapolis, New York und Atlanta durchgeführt wurden und großen Zuspruch fanden – Zuspruch, der aber vielleicht eher den spektakulären Ausstellungsstücken und den reich bebilderten Katalogen als den Verdiensten Luthers geschuldet ist. Hermann Wellenreuther lehrte mittlere und neuere Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen; er ist Autor einer vierbändigen Geschichte der USA in der frühen Neuzeit.
Und Pattaya? Ich war überrascht, dass einige Freunde des Begegnungszentrums extra nach Wittenberg gekommen waren. Diese Anhänglichkeit finde ich geradezu rührend. Ich freue mich, dass nun schon mein dritter Nachfolger die Arbeit fortsetzt. Vgl. http://www.die-bruecke.net.

 

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