Zum Tod von Liu Xiaobo

An jenem besonders heißen Juli-Tag in Peking schlendern wir mit gefühlt tausenden chinesischen Touristen über den „Platz des Himmelsfrieden“ „Tian’anmen“. Hinter uns ruht Mao (oder eine Kopie der Leiche?) in seinem Mausoleum. Heute ist es geschlossen. In der Mitte feiert ein Denkmal die „Volkshelden“, darunter die Studenten des Pekinger Aufstands von 1919. Kein Hinweis indessen erinnert an die Toten der friedlichen Demonstration von 1989. Nur die vielen Militärs, die überall wie Zinnsoldaten Wache halten, von den uniformierten und nichtuniformierten Polizisten ganz zu schweigen, weisen auf die Nervosität der Regierung hin. Hier soll künftig nichts mehr anbrennen.

Aus aktuell-traurigem Anlass – der Tod von Liu Xiaobo – lese ich noch einmal die mich tief berührende Biografie von Bei Ling „Der Freiheit geopfert“ Riva Verlag München 2010. (Hoffentlich gibt es eine Neuauflage mit Ergänzung der letzten sieben Jahre!) Er schreibt ausführlich über die dramatischen Geschehnisse 1989. Am 4. Juni hatte Liu wesentlich durch seinen Pazifismus dazu beigetragen, dass auf dem Platz selbst kein Menschen zu Schaden kam. Er konnte das Militär dazu überreden, die Demonstranten abziehen zu lassen, und die Studenten in letzter Minute dazu bringen, tatsächlich den Platz zu räumen. Nach der Niederschlagung wurde Liu dennoch als einer der Rädelsführer verhaftet. Nach eineinhalb Jahren in Haft schrieb er ein Schuldbekenntnis, das er später bitter bereute. Liu hatte für dieses Selbstbezichtigungspamphlet alle linientreuen Hetzartikel über sich gelesen und daraus eine Totalanklage formuliert. Er schämte sich, das Massaker nur aufgrund seines Ruhms überlebt zuhaben, während viele namenlose Demonstranten gestorben sind, so wie der Schüler Jiang Jielian, der an einer U-Bahnstation zusammen mit 35 anderen Menschen erschossen worden war. Nach seiner Freilassung freundete Liu sich mit den Eltern des Jungen an, dem er ein Gedicht widmete. In dessen Vorwort heißt es: „Gegenüber der Seele eines jungen Toten ist mein Überleben ein Verbrechen. Dass ich dir ein Gedicht schreibe, ist für mich beschämend. Die Lebenden sollen still sein und die Toten sprechen lassen.“

Liu setzte sich dafür ein, dass die „Mütter des Tian’anmen-Platzes“, die Vereinigung der Hinterbliebenen, für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird, und widmete seinen eigenen Preis den Opfern des Massakers. Er publizierte zu jedem Jahrestag  Texte, die so scharf, so unerbittlich mit sich selbst, mit der Regierung und mit all den prahlend selbstgefälligen Demonstrationsveteranen ins Gericht gingen, dass er sich zum einen in der Dissidentenszene viele Feinde machte und zum anderen zu drei Jahren Umerziehungslager verurteilt wurde: Bohnen sortieren, Tag für Tag, bei möglichst schlechtem Licht, um seine Augen zu zerstören.

Abend für Abend schrieb er in diesem Lager für seine Frau Gedichte, wobei die Staatssicherheit die meisten dieser Texte vernichtete. Ein Dreizeiler, der überlebt hat, lautet: „Bevor deine Asche im Grab versinkt, schreib mir damit einen Brief und vergiss deine Anschrift im Jenseits nicht.“

Tatsächlich hat nun das Regime seine Asche im Meer verstreut, damit kein Ort des Gedenkens zu finden ist. Doch: Man kann Blumen am „Denkmal der Volkshelden“ niederlegen und an die von 1989 denken.

Kann man sich heute noch solchen Widerstand vorstellen? Mancher kriminelle Akt, aber auch jegliche politische Subversion werden in China zusehends unmöglich, so David Bandurski in der heutigen taz über Gesichtserkennungssoftware und Verknüpfung von Datenbanken: „China ist in vieler Hinsicht führend darin, Big Data und intelligente Maschinen im Feld der Strafverfolgung und Sozialkontrolle anzuwenden… Örtliche Polizeistationen können in China nicht nur auf Überwachungskameras in Wohngebieten und an anderen Orten zugreifen. Sie können sich zudem in die nationalen Melderegister einloggen – und diese werden dann unverzüglich mit Daten über Fahrkarten- und andere Einkäufe verknüpft, für die man in China seinen Ausweis zeigen muss.“ Wer immer sein Smartphone einsetzt, ist schon überwacht.

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