Chinas „Harmonie“

China möchte eine „harmonische Gesellschaft“ aufbauen. Man könnte meinen, „KPC“ heiße nicht „Kommunistische Partei“, sondern „Konfuzianische Partei Chinas“. Aber das täuscht. Der angeblich konfuzianische Begriff „Harmonie“ passt einer autoritären Regierung nur allzu gut, um jegliche Opposition als Störung zu brandmarken.

Tatsächlich ist ja schon der Konfuzianismus der Kaiserzeit eine massive Veränderung der ursprünglichen Lehren des „Meister Kong“ gewesen und wohl aus guten Gründen mit der bürgerlichen Revolution 1911 beseitigt worden. Während der Kulturrevolution  wurde Konfuzius als nutzloser und reaktionärer Denker verunglimpft, seine Statuen zerstört und die Tempel geplündert. Heute wird er vorsichtig rehabilitiert und zumindest dem Ausland gern präsentiert. Die chinesischen Kulturinstitute, die die Volksrepublik in aller Welt aufbaut, tragen seinen Namen.

Es wundert mich darum nicht, dass sein Tempel in Peking wieder schön restauriert ist. Seine heutige Gestalt erhielt er erst 1906 als die untergehende Qing-Dynastie glaubte, durch die Aufwertung des Konfuziuskultes  den christlichen Einfluss abwehren zu können. Ich gehe gern dorthin, weil ihn die meisten Touristen langweilig finden und deswegen meiden. So hat man eine meditative Stille für sich allein.

Das erste, was man sieht, sind rot gestrichene Pavillons, die kaiserliche Stelen schützen. Das Tier, das sie trägt, sieht aus wie eine Schildkröte, ist aber eigentlich einer der neun Drachensöhne und heißt Bixi. 198 Stelen verzeichnen die Namen von 15624 Jinshi, den Absolventen der laiserlichen Staatsprüfung. Natürlich gibt es eine prominente Statue des Meisters selbst. Die Haupthalle heißt „Große Vervollkommnung“. Dort bezeugte der Kaiser dem Meister seinen Respekt. Die Verehrung des Großen Meisters galt ab dem 2. Jahrhundert vor Christus als staatliche Aufgabe.

Heute schallen mir laute Reden entgegen. Sie kommen von einem wie ein Priester gekleideten Lehrer, der per Mikrofon ca. 200 Knirpse zur Ordnung ruft. Sie sind wie kleine Gelehrte gekleidet und sollen vor einem winzigen Schreibpult hockend erste Schriftzeichen üben. Aufgeregte Mütter greifen helfend ein und stolze Väter filmen das Geschehen mit ihrem Smartphone. Hier ist die Ruhe dahin. Es beweist aber, dass die Lehren des Konfuzius aktuell sind. „Lernen und es von Zeit zu Zeit wiederholen, ist das nicht eine Freude?“ Während man bei uns mit den Kindern vor der Schule spielt, lernen sie hier die ersten der über 5000 Schriftzeichen.

Ich gehe weiter in den hinteren Bereich des Tempels, wo ich weitere Klassenräume finde und einen Seitenflügel, in dem eine Kostprobe der Ritualmusik gegeben wird. Sie wird seit dem Altertum gepflegt und könnte als älteste Musik der Welt gelten. Daneben wird es wahrhaft voluminös. Auf 189 großen Stelen meißelte man 654000 Zeichen des konfuzianischen Kanons. Nachgezählt habe ich allerdings nicht.

Stattdessen gehe ich noch hinüber zur „kaiserlichen Akademie“, wo der Kaiser selber nach seiner Thronbesteigung eine Vorlesung gab, die einige tausend Gelehrte knieend (!) anzuhören hatten.

Wie verhält es sich nun aber mit der ständig beschworenen „Harmonie“?

Konfuzius bemerkt in seinen Gesprächen (Lunyu Kapitel XIII, Vers 23), dass der Edle und Weise den Einklang, aber nicht den Gleichklang suche. Der Edle ist friedfertig, macht sich aber nicht gemein, während der Unedle sich gemein macht und dabei nicht einmal friedfertig ist.

Das chinesische Einparteiensystem setzt keineswegs auf Pluralismus und Relativismus der Normen. Der Staat  mischt sich in alle Einzelheiten ein. So kann ich hier nicht einmal meinen eigenen Blog im Internet lesen. Die Kommunistische Partei Chinas  reagiert trotz wohlklingender Rhetorik auf Abweichungen notfalls mit Gewalt und Folter.

Unter dem Schlagwort der „Asiatischen Werte“ beanspruchen autoritär regierte Staaten ein eigenes Wertesystem, das sich von „westlichen Werten“ deutlich unterscheidet und zu weniger auf das Individuum bezogenen Menschenrechten führt. Der Sinologe Heiner Roetz, dem ich hier folge, macht klar, dass es weder historisch  noch aktuell ein asiatisches oder chinesisches Wertesystem gibt. „Harmonie“ bedeutet in China Aufgabe des Anspruchs auf universale Geltung der Menschenrechte. Kultur wird „zum wichtigsten Einfallstor einer normativen Beliebigkeit.“ (Heiner Roetz, Konfuzius, Beck Verlag 2006). Wenn es um Bewertungen geht, möchte ich lieber auf die Verlierer als auf die Gewinner des Systems hören.

PS: Nach unserer Reise lese ich Stefan Aust/Adrian Geiges „Mit Konfuzius zur Weltmacht“, Quadriga Verlag Berlin 2012. Es bestätigt meinen Eindruck. Allerdings ist die ständige Garnierung des Textes mit Konfuzius-Zitaten manchmal etwas bemüht. Völlig überflüssig finde ich die Polemik gegen die Kritiker des Stuttgarter Bahnhofsprojekts. Es ist ein Vorzug unserer Demokratie, dass nicht einfach über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden wird. Ziemlich ärgerlich ist die Polemik am Schluss S.225 : „An einen Gott, der alles sieht, alles kann und alle liebt, glauben immer weniger Menschen in einer modernen Welt.“ Den Autoren ist wohl entgangen, dass in China nicht nur Konfuzius ein „Comeback“ erlebt, sondern auch der christliche Glaube , der sich allerdings etwas differenzierter ausdrückt. Mit erheblicher Gewalt wird er leider eingeschränkt oder sogar unterdrückt. Die christliche Religion bietet nämlich ein Grundvertrauen, das durch moralische Appelle allein nicht erreicht werden kann.

 

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