Unterwegs in Dalian

Häfen üben auf mich seit Kindheitstagen einen besonderen Reiz aus. Darum machen wir auf dem Weg nach Peking einige Tage Urlaub in Dalian. Allerdings darf man in China keine alten Bilder im Kopf haben. Man wird totsicher von der neuesten Entwicklung überrascht. Die Kleinstadt aus früherer Lektüre hat sich zur 6-8-Millionenstadt gemausert.

Dalian ist seit dem 6. Jahrhundert ein wichtiger Hafen. Wir schauen uns im Museum seine Geschichte an, insbesondere den Untergang der kaiserlichen Flotte im chinesisch-japanischen Krieg 1894. An den heutigen Hafen kommt man leider kaum heran, aber man kann ihn von einigen Hochhäusern aus besichtigen. Von der ungeheuren Ausdehnung bekommen wir einen Eindruck, als wir mit der S-Bahn eine Stunde vom Zentrum nach Jinshitan im Norden fahren, um jenseits der Kaianlagen und Werften an einen Strand „Golden Pebbles“ zu kommen. Weiter nördlich beginnt eine zerklüftete Steilküste, die geologisch interessant ist.

Ein anderer Strand ist mit dem Stadtbus Nr.309 zu erreichen. Leider ist es dort aber mit der Ruhe vorbei. Da sowieso kein Chinese hier schwimmen mag, hat man für das allgemeine Vergnügen einen Jahrmarkt aufgebaut, Bungee jumping eingeschlossen.

Durch Verpachtung kam die Stadt von 1897 bis 1905 unter russische Herrschaft. (Der russische Name „dalni“ bedeutet „Fern“ (im Osten). Hier war ein Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Wer im Museum genau hinschaut, muss als Chinese zugeben, dass die Russen industrielle Entwicklungshilfe geleistet haben.

Stolz zeigt man eine „russische Straße“. Einige Villen und Häuser im schlechten Zustand sind noch zu sehen, ein kleiner Palast ist einsturzgefährdete Ruine. Gleichwohl hat man für Touristen jede Menge Buden aufgebaut, wo allerlei russischer Krimskrams verkauft wird. Auf unserer stetigen Suche nach einem Café landen wir bei einer chinesischen Studentin, die mit ihrem „boyfriend“ einen kleinen Laden betreibt. Sie stammt aus dem Süden und spricht passabel englisch. Nicht ganz passend zum russischen Ambiente hat sie sich den „Kleinen Prinzen“ als Motto gewählt.

Nach dem russisch-japanischen Krieg kam die Stadt von 1905 bis 1945 unter die Kontrolle der Japaner. Diese haben außer weiterer Industrie ebenfalls einige Straßenzüge hinterlassen, die im Gegensatz zu den heutigen Wolkenkratzers wenigstens ein menschliches Maß haben.

In Dalian liegt normalerweise Chinas erster Flugzeugträger „Liaoning“, der noch halb von Russland gebaut wurde. Er wurde 2012 in Dienst gestellt. Mittlerweile haben sie einen zweiten selbstgebauten vom Stapel gelassen, den wir von ferne fotografieren konnten.

China baut seine Seestreitkräfte erheblich aus. Sie kaufen zahlreiche Kriegsschiffe und U-Boote. Man will bald auf allen Weltmeeren präsent sein. Gern wäre ich ins legendäre Port Arthur gefahren, das heute Lüshunkou heißt. Aber dort ist militärisches Sperrgebiet.

Was ich nicht wusste: Im riesigen Kongresszentrum Dalians findet seit zehn Jahren eine Art „Sommer-Davos“ statt, eine Ergänzung oder doch wohl Konkurrenz zum Weltwirtschaftsforum.

Kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg hat Chinas Premierminister Li Keqiang dort demonstrativ für freien Handel und Globalisierung geworben. Das hört sich im deutschsprachigen chinesischen Radio so an:

Die Regierung setzte die Jahresvorgaben für das BIP-Wachstum auf rund 6,5 Prozent fest und versprach gleichzeitig, bessere Ergebnisse in der aktuellen wirtschaftlichen Arbeit anzustreben. Ferner wird China die Erhöhung der Verbraucherpreise bei rund 3 Prozent und die offizielle städtische Arbeitslosenquote unter 4,5 Prozent halten.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt meldete im ersten Quartal eine Wachstumsquote, die 6,9 Prozent über dem Vorjahreswert lag und damit die aufgestellte Prognose übertraf. Es handelte sich um den schnellsten Zuwachs in 18 Monaten.

Eine ganze Reihe von Finanzinstitutionen, darunter auch der Internationale Währungsfonds, hat ihre Prognose für China erhöht, da sich eine neue Dynamik entwickelt und die wirtschaftliche Ausbalancierung voranschreitet.

Li führte diese kometenhafte Leistung auf die anhaltende wirtschaftliche Umstrukturierung des Landes zurück.

China wird nach Lis Angaben die Strukturreform der Angebotsseite weiter vorantreiben, die Verwaltung straffen, Befugnisse an untere Ebenen delegieren, einen einfacheren Zugang zum Markt gewährleisten, Unternehmertum und Innovationen vorantreiben, gesättigte Sektoren verkleinern und den Verbrauch stimulieren.

Das ist immer eine sehr angenehme Rhetorik der chinesischen Regierung, aber deutsche Firmenvertreter machen andere Erfahrungen. China betrachtet Wirtschaft als Krieg – und den will es gewinnen.

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