Zur Erinnerung an Benno Ohnesorg

An jedem 2. Juni feiere ich still meinen „zweiten Geburtstag“, denn der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg 1967 hätte auch mich treffen können.  Ich stand ja – wie ein Pressefoto beweist – direkt neben ihn. Es gab später weitere politische Morde und heute so viele Attentate, dass niemand mehr  sich ständig empören kann. Das sinnlose Sterben Benno Ohnesorgs hat aber eine ganze Generation nachhaltig verändert und leitete die kritische Bewegung von „1968“ ein.

Alle zehn Jahre wird seiner gedacht. Heute nach fünfzig Jahren wohl zum letzten Mal. Darum habe ich mich gefreut, dass ich an einem Film mitwirken konnte, den der rbb produziert und ausgestrahlt hat. Die Autorin Margot Overath schrieb mir ins ferne China, dass über eine Million Menschen die Sendung zur späten Stunde gesehen haben. Bis zum 6.6.2017 kann man die Dokumentation noch in der ARD-Mediathek anschauen.

http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Wie-starb-Benno-Ohnesorg/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=43152814

Nur wer mich als bartlosen Jugendlichen kannte, wird mich auf den alten Filmaufnahmen im Gewühl vor der Westberliner Oper, der berüchtigten „Leberwurst“, wiedererkennen. Auf dem entscheidenden Foto  (wenige Sekunden vor dem verhängnisvollen Schuss) bin ich mit meinem alten Sommermantel neben Ohnesorg nur von hinten zu sehen.

Mehrmals wurde ich zu den Prozessen gegen den Todesschützen Kurras nach Berlin geladen, musste aber miterleben, wie sie im Sande verliefen. Es war mir klar, dass die Justiz versagt hatte, aber das Ausmaß dieses Skandals ist mir erst durch diesen Film mit seinem lange verschollenen Material vollends bewusst geworden.

Ich habe nicht geahnt, wie viele wichtige Augenzeugen nicht berücksichtigt wurden. Vor allem wusste ich nicht, dass noch am Schädel des Toten offenkundig manipuliert worden war, um eine Rekonstruktion der Tat unmöglich zu machen. Man kann Otto Schily, der damals als Nebenkläger den Vater Ohnesorgs vertrat, nur zustimmen, dass eine „Vertuschung großen Ausmaßes“  stattgefunden hat.

Teile der Westberliner  Polizei waren  damals eine Art Berufsarmee, die antikommunistisch gedrillt die „Frontstadt“, in der es ja keine Bundeswehr geben durfte, verteidigen sollte. Ich vermute, dass die vorhergehenden Demonstrationen linker Gruppen, bei denen es schon Konfrontationen mit der Polizei gegeben hatte, gewisse Polizeiführer so gereizt hatten, dass sie nun ein Exempel statuieren wollten und deshalb diesen sinnlos übertriebenen Einsatz befahlen. Die berüchtigte Presse des Verlegers Axel Springer hatte schon wochenlang die Bevölkerung gegen die „kommunistischen Studenten“ aufgehetzt. Da durfte es nicht sein, dass einer der Polizisten willkürlich einen unschuldigen Studenten erschossen hatte. Keiner der Verantwortlichen wurde je zur Rechenschaft gezogen. Nur der Regierende Bürgermeister Pastor Heinrich Albertz, der eigentlich am wenigsten schuldig war,  übernahm die politische Verantwortung und trat zurück.

Für mich mit meinen neunzehn Jahren brach das bisherige Bild von der „Polizei, dein Freund und Helfer“ zusammen. Ich studierte zwar auch Philosophie an der Freien Universität, aber hauptsächlich Evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin. Im Rahmen meines Ehrenamts als Sozialreferent im AStA (studentische Selbstverwaltung) nahm ich an Begegnungen mit Polizisten teil, die das Polizeipfarramt organisierte. Ich stellte fest, dass viele Bereitschaftspolizisten, die man auf uns gehetzt hatte, nicht viel älter als wir waren. Ich konnte mich darum nicht mit radikalen Parolen des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) identifizieren, der diese Leute als „Bullenschweine“ eines verhassten Systems beschimpfte und zur (revolutionären) Gewalt aufrief. Mit meiner pazifistischen Position gehörte ich zu einer Minderheit in der Minderheit der Studentenbewegung. Gleichwohl meine ich noch heute, dass dies allein das wichtigste Vermächtnis Benno Ohnesorgs ist, dessen letzte Worte lauteten: „Bitte nicht schießen!“

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