Zweiter Juni

Der 2. Juni 1967 ist für die mittlerweile legendäre Studentenbewegung, was für die älteren Generationen Stalingrad oder Verdun war. Man erzählt mit leuchtenden Augen: „Ich bin dabei gewesen.“ Schon dieser Vergleich macht deutlich, dass die Nachkriegsgeneration keine historisch nachhaltigen Taten vollbracht hat. Das hat sie nicht gehindert, diese auch APO (außerparlamentarische Opposition) genannte Bewegung von Anfang an zu verklären. Der erste Roman von Uwe Timm „Heißer Sommer“ erschien schon in der Endphase der auch so genannten „antiautoritären Bewegung“. https://de.wikipedia.org/wiki/Hei%C3%9Fer_Sommer_%28Roman%29.

Die Verlage werden es sich nicht nehmen lassen, zum 50. Jahrestag der Erschießung Benno Ohnesorgs weitere Bücher auf den Markt zu werfen. Zu ihnen könnte auch Meinhards Schröders „Mein 2. Juni 1967“ gehören, dessen Cover zumindest mit dem zur Ikone gewordenen Pressefoto des erschossenen Studenten wirbt. Tatsächlich schreibt der Autor aber nicht einmal zehn Seiten (S.27-36) über den Tag der Schah-Unruhen. Wer mehr wissen will, sollte das Buch von Uwe Soukup: „Wie starb Benno Ohnesorg?“ (Verlag 1900 Berlin, 2007)  lesen. Mit Bild von mir neben Ohnesorg auf S.95!

Trotzdem ist Schröders Buch die interessante, oft humorvolle oder selbstironische „autobiographische Erzählung“ eines Politaktivisten der „68er“, dem man nicht jedes Detail glauben muss.

So lernen wir als Vorgeschichte seine Familie kennen, aus deren Kleinbürgerlichkeit er ausgerechnet mit einem Theologiestudium entkommen will. Bald wird daraus ein Studium der marxistischen Religionskritik mit dem  Ziel – wie es seinerzeit die „Celler Konferenz“ formulierte: „Theologie ist die Strategie ihrer eigenen Abschaffung“. Kein Wunder, dass die Kirche auf solche Mitarbeiter verzichten wollte.

So schildert er mit Lust die Auseinandersetzungen an den Berliner Hochschulen bis er nach Heidelberg wechselt und für den „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) zum AStA-Chef („Studentenselbstverwaltung“) gewählt wird.

Hier muss ich nun persönlich werden: Ich war mit Meinhard Schröder in meinen ersten Semestern ab 1966 durchaus befreundet und verdanke ihm meine Wahl zum Sozialreferenten im AStA unserer Hochschule. Ich wurde aber Mitglied im „Sozialdemokratischen Hochschulbund“, der vom SDS als Gegner betrachtet wurde. Ich trat für Reformen ein, widersprach der Gewaltbereitschaft des SDS und glaubte weder an Che Guevara noch an Mao, deren Verbrechen ich schon kannte. So entfremdeten wir uns, obwohl wir 1967 noch diskutierend drei Monate durch die Türkei wanderten. Er erwähnt die Tour auf S.49 mit meinem Vornamen. Ansonsten habe ich aber mit seiner Kunstfigur „Wolfgang“ nichts gemein. In Heidelberg und danach hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich wollte Pfarrer werden, er Revolutionär. Und er wurde es mit allen persönlichen Konsequenzen.

Jede Autobiographie ist bekanntlich immer ein wenig Selbstrechtfertigung. Geschenkt sei darum die Versicherung, dass ich manches ganz anders erlebt habe. Von der Menschenfreundlichkeit des Sozialismus war im Gegensatz zu Rudi Dutschke, der bekanntlich eine Zukunft bei den jungen „Grünen“ suchte, bei den KBWlern und anderen marxistischen Sekten nicht mehr viel zu spüren. Da finde ich Schröders humorvolle Schilderungen nicht immer lustig. Die freimütige Darstellung seiner sexuellen Eskapaden mag den Spießer beeindrucken, mir imponieren sie nicht. Die in der „Studentenrevolte“ proklamierte „freie Sexualität“ hatten längst die Illustrierten und andere kommerzielle Verwerter übernommen. Man darf nicht vergessen, dass Beate Uhse 1967 in Berlin ihren ersten Sex-Laden eröffnete. Was in manchen Kinderläden getrieben wurde, beschreibt Schröder nicht. Aber es ist heute bekannt und wird nicht nur von der Frauenbewegung kritisiert.

Meinhard Schröder hat aufgrund seiner revolutionären Ideale auf eine bürgerliche Karriere verzichtet. Zu einem PH-Professor hätte es allemal gereicht. Darum ist bewundernswert, wie er sich durch die Arbeitswelt kämpft und schließlich sogar Personalentscheidungen beeinflusst. Genial finde ich seine Schilderung, wie er Entlassungen vorbereiten muss (S.147-152). Keine Frage: Der Mann kann schreiben.

Muss man deswegen das Buch lesen? Ich habe es trotz inhaltlicher Differenzen mit Vergnügen getan.

Meinhard Schröder:  Mein 2. Juni 1967, Von der Studentenrevolte zum Kleingärtnerprotest, Backe-Verlag Hützel, 2017

PS: Der Sender RBB hat mich als Zeugen interviewt und sendet zum Thema

Radiofeature: 24.05. ab 22:03 rbb-Kulturradio „Benno Ohnesorg – Chronik einer Hinrichtung“. Wiederholungen: 28.05. ab 11:05 auf WDR 5 und 31.05. 22:03 SWR 2.

TV-Doku: 29.05. nach den ARD-Tagesthemen „Benno Ohnesorg – Wie starb Benno Ohnesorg“.

 

 

 

 

 

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