Von Indien lernen?

Eine hiesige Kirchengemeinde organisiert unter dem sympathischen Titel „Nachtcafé“ Gespräche zu verschiedenen Themen. Kaffee gibt es zwar nicht, aber mit kalten Getränken kann man an Tischen gut ins Gespräch kommen. Das ist eine sinnvolle Ergänzung zu den vielen Vorträgen, die man in einer Universitätsstadt besuchen kann. Mich lockt der Beitrag „Indien verstehen – von Indien lernen?!“ von Georg Fehling. Er war Unternehmer mit Geschäftserfahrungen in Indien und ist jetzt Professor im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Dualen Hochschule in Stuttgart.

Seit meiner Arbeit in der „Gandhi-Peace-Foundation“ beobachte ich die Entwicklungen in Indien. Als Studienleiter der Evangelischen Akademie habe ich jährliche Tagungen mit Indern über indische Probleme veranstaltet.

Vgl. http://www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/doku/641010-Prakash_1.pdf

Die meisten meiner Gesprächspartner sind aus dem kirchlichen Bereich. Darum bin ich auf die Sichtweise eines Vertreters der Wirtschaft gespannt.

Ich freue mich über die sympathische „Gewürzmischung aus Bildern, Fakten und Berichten aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen und Lebenswirklichkeiten“. Insbesondere bei den Bildern aus den Dörfern kann ich das Gefühl von „deja vu“ nicht vermeiden. Allerdings haben sich die Großstädte erheblich verändert.

Vereinfacht kann man sagen, dass lange der kolonialistische Blick auf Indien durch einen entwicklungspolitischen abgelöst wurde. Maßstab von Entwicklung blieb der „Westen“. Heute fallen manche ins andere Extrem und romantisieren den Kontinent.

Man kann das am Problem der Menschenrechte studieren. Soll man beispielsweise die strukturelle Gewalt des Kastenwesens kritisieren? Ich denke: Wenn man die Perspektive der Opfer einnimmt, dann muss man es. Ich unterstütze jedenfalls die Bemühungen unserer evangelischen Partnerkirche, die sich einem neuen Hindu-Faschismus ausgesetzt sieht.

Die Kirche von Südindien (CSI) ist heute mit fast vier Millionen Mitgliedern in 22 Kirchendiözesen und 15.000 Gemeinden die größte evangelische Kirche Indiens. Damit ist sie auch eine der größten protestantischen Kirchen Asiens. Die CSI unterhält Kindergärten, Schulen, Colleges sowie Krankenhäuser. Ein Schwerpunkt der Arbeit der CSI ist die Überwindung der Kastenschranken und die Förderung von Frauen und Mädchen. Die Kirche möchte in der indischen Völker– und Religionsvielfalt eine vermittelnde Rolle spielen.

Indien ist ein säkularer Staat, der Religionsfreiheit garantiert. Heute sind rund 80 Prozent aller Inder Hindus, 13 Prozent Muslime, 2,4 Prozent Christen (überwiegend Katholiken). Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten Jahre bleiben die Gegensätze zwischen Arm und Reich in Indien bestehen. Teilweise verschärfen sie sich sogar noch. Dalits und Adivasi werden in der indischen Gesellschaft noch heute diskriminiert, auch wenn sie mittlerweile rechtlich gleichgestellt sind und zum Beispiel in der Schulbildung staatliche Unterstützung erfahren. Ausgenommen von der staatlichen Hilfe sind aber die zum Christentum konvertierten Dalits und Adivasi.

Besonders benachteiligt sind Frauen und Mädchen. Mit dem Programm zur Stärkung der Frauen will die CSI deren Situation langfristig verbessern. Ziel ist es, sie in ihrer Persönlichkeit und ihrer kulturellen Identität zu stärken und ihnen beizubringen, wie sie staatliche Förderungen bekommen können. Parallel dazu erhalten sie eine Ausbildung in unterschiedlichen Berufen um finanziell unabhängig zu werden.

Vgl.  https://ems-online.org/laender/asien/indien/

Von nationalistischen Indern  möchte ich nichts lernen, von den indischen Christen schon.

 

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