Ökumene dreifaltig

An diesem Wochenende beschäftigt mich die evangelisch-katholische Ökumene gleich dreimal.

Am Freitag lese ich aufmerksam das große ZEIT-Interview mit dem Papst, das der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit erkennbarem Stolz geführt hat. Er outet sich nebenbei als katholischer Gottesdienstbesucher, zumindest an Heiligabend. Ich finde das Gespräch erstaunlich nett und harmlos, wirklich kritische Fragen gibt es kaum. Der Papst ist nun mal nicht nur ein „ganz normaler Mensch“, sondern Oberhaupt eines monarchischen Systems. Man kann sich ja freuen, dass diese Funktion ein sympathischer, leutseliger Bischof ausfüllt, aber das kann nach der nächsten Wahl wieder ganz anders aussehen. Die protestantische Kritik richtet sich gegen das autoritäre System, das nach wie vor bis in die letzte Dorfpfarrei hineinregieren kann. Der Vatikan ist noch immer eine völlig undurchsichtige Behörde, der offenbar nicht einmal Franziskus völlig trauen kann. So verschiebt man jede wichtige Entscheidung zum Zölibat oder zum Priestertum der Frau auf eine ferne Zukunft. Die Redaktion bebildert das Interview mit großformatigen Fotos des Papstes. Leider nur ganz klein druckt sie ein Foto des Kapitells der Kirche in Vézelay „Der erhängte Judas wird vom guten Hirten Christus getragen.“ Das hätte aus evangelischer Sicht mehr Größe verdient.

Am Samstag feierte man einen evangelisch katholischen  „Versöhnungsgottesdienst“, der in der ARD übertragen wurde. Warum Samstagnachmittag? Weil nach katholischem Kirchenrecht der Katholik seine Sonntagspflicht mit Teilnahme an der Kommunion erfüllen muss. Und da bleiben offiziell die „Andersgläubigen“ ausgeschlossen. Natürlich spielt das in der praktischen Ökumene auf Ortsebene längst keine Rolle mehr, aber in Gegenwart der gesamten Staatselite wollte man wohl kein falsches Bild senden. Im Zentrum des G6ttesdienstes standen dabei ein gemeinsames Schuldbekenntnis, eine Vergebungsbitte sowie eine Selbstverpflichtung. Darin heißt es, man wolle „Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen gehen“. Konkreter geht es wohl nicht. Es gelte, die Gemeinsamkeiten des Glaubens hervorzuheben, die Übereinstimmung in der Rechtfertigungslehre zu vertiefen, gemeinsam Zeugnis von Gott abzulegen und eine Kultur der Zusammenarbeit auf allen kirchlichen Ebenen zu fördern. Zugleich wolle man alles unterlassen, was Anlass zu neuen Zerwürfnissen geben könnte. Wenn Christen die Kraft der Liebe Gottes ausstrahlten, könnten sie die Gesellschaft erneuern. Das Reformationsgedenken solle ein neuer Anfang sein: „Christus führt uns zusammen.“

Gut, wer die alten Streitigkeiten noch erinnert, mag wie Bundespräsident Gauck von einem „Wunder“ sprechen. Ich habe mehr erwartet als folgenlose Worte und symbolische Handlungen.

Am Sonntag wurde in einem örtlichen Gottesdienst  an die Auswirklungen der Reformation in Lateinamerika erinnert. Die Pfarrerin  Yasna Crüsemann zeigte in ihrer Lehrpredigt zunächst einmal die fatalen Auswirkungen der spanischen Eroberung (mit ihrer katholischen Missionsbegleitung). Heute sind es multinationale Konzerne, die den Kontinent ausbeuten. Und wir profitieren insgeheim davon. Doch gerade in der katholischen Kirche der Gegenwart wurde eine „Theologie der Befreiung“ entworfen, die auch viele Protestanten inspiriert hat. Viele evangelische Gemeinden, die ja eine kleine Minderheit sind, arbeiten vorbildlich im Sozial- und Schulwesen. Allerdings werden sie bedrängt von „Pfingstkirchlern“, die ein fatales „Erfolgsevangelium“ verkünden. Da wäre die Stimme Martin Luthers einmal mehr nötig, der ja mit seinen 95 Thesen gegen den Irrglauben kämpfte, man könne Gott und das Heil mit Geld kaufen. Ein Tübinger Theologieprofessor fand in dieser Predigt zu wenig biblische Verkündigung. Dabei hätte doch schon die Schriftlesung genügt, in der es beim Propheten Jesaja heißt: „Gott hoffte auf Rechtsspruch, doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit, doch siehe: Schlechtigkeit.“ (Jes. 5, 7) Das ist eine sehr präzise Beschreibung der gegenwärtigen globalen Situation.

Sicher hätte man gut darüber sprechen können (und müssen!) Aber eine Diskussion war leider wie meistens nach deutschen evangelischen Gottesdiensten nicht vorgesehen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s