Wahlkrampf

Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, zu Beginn der Fastenzeit politische Büttenreden zu halten? Der Karneval ist doch vorbei.

Seit Aschermittwoch ist nun kein Halten mehr: Der Wahlkampf zur Bundestagswahl hat begonnen. Ausgerechnet an meinem 70. Geburtstag wird sie stattfinden. Ob ich da eine Wahlparty veranstalten soll? Oder eine Kreuzfahrt buchen?

Ich gebe zu, dass ich mich nicht mehr so erregt an Wahlkämpfen beteilige wie in meiner Jugend, als es immer mindestens um den Untergang Deutschland ging. Als Schüler bekam ich wegen frecher Zwischenrufe bei Kundgebungen paritätisch je eine Ohrfeige von CDU- bzw. SPD-Anhängern. Im Studium war ich sogar Mitglied einer politischen Partei, habe diese aber mit dem Eintritt in den Kirchendienst verlassen. Parteipolitik auf der Kanzel oder mit der Autorität des Talars mag ich nicht.

Am besten konnte ich mein politisches Engagement als Studienleiter der Evangelischen Akademie ausüben. In vielen meiner Tagungen waren Politiker verschiedener Parteien als Referenten eingeladen. In den sehr qualifizierten Debatten (ohne Kameras) konnten sie frei ihre Position darlegen und manchmal im inoffiziellen Teil an der Bar ihre Zweifel und Schwierigkeiten benennen. In jenen Jahren habe ich großen Respekt vor Politikern bekommen, weshalb ich den üblichen Verdruss oder gar Häme gegen sie ablehne. Solche Auseinandersetzungen, in denen die Argumente zählen, vermisse ich heute sehr.

Natürlich ist ein Wahlkampf keine Erwachsenenbildung. Es geht um Positionen, die man einnehmen und Macht, die man gewinnen will. Spüren Politiker, dass ihnen demagogische Parolen mehr Stimmen bringen als nüchterne Aufklärung, kann man ihnen nicht verübeln, wenn sie dieser Versuchung erliegen.

So werden wir wohl damit rechnen müssen, dass die Medien uns ein „Kopf-anKopf-Rennen“ aufschwatzen wollen, obwohl wir nicht den/die Kanzler/in wählen, sondern Abgeordnete für ein Parlament. Medien lieben nun einmal die Sensation. Da bleiben die Sachthemen gern auf den hinteren Seiten. Durch den Einfluss des Fernsehens ist ohnehin die Rhetorik vorherrschend: eine Spielwiese für alle Blender. Hinzukommen die ständigen Umfragen „Wenn am Sonntag Wahl wäre…“. Eine ziemlich überflüssige Übung, die nur alle nervös macht. Mich hat außerdem noch nie jemand gefragt.

Müssen wir also sechs Monate Wahlkrampf erdulden? Nun, Talkshows muss ich nicht mehr anschauen, denn für Unterhaltung habe ich keine Zeit. Die TV-Nachrichten in Deutschland, die vor allem Politiker-Zitate statt Fakten bringen, kann ich ausschalten.

Verzichten möchte ich auf twitter und andere asoziale Medien, die meine Zeit rauben wollen. Warum muss eigentlich jeder dumme Spruch noch in den „Qualitätsmedien“ wiedergekäut werden? Es interessiert mich auch nicht, wen irgendwelche Promis wählen.

„Die Menschen urteilen im Allgemeinen mehr nach dem, was sie mit den Augen

sehen, als nach dem, was sie mit den Händen greifen; … Die Menschen sind ja so

einfältig und gehorchen so leicht den Bedürfnissen des Augenblicks, dass der, der

betrügen will, immer einen findet, der sich betrügen lässt… Denn der Pöbel hält sich

immer an den Schein…“ (Machiavelli (1513).

Das ist keine Analyse zur Mediendemokratie in postfaktischen Zeiten, sondern eine

mehr als 500 Jahre alte Beschreibung zur Staatskunst in der Tradition

mittelalterlicher Fürstenspiegel. Das Zitat stammt aus Niccolò Machiavellis Schrift

„Der Fürst“.

Also: Mehr Leben statt Medien!

Vor allem andern kann ich mir die jahrelange Arbeit anschauen, die meine Abgeordneten bisher geleistet haben. Vielleicht höre ich mir auch den einen oder andern Vortrag an, vor allem wenn die Kandidaten die „Vordenker“ ihrer Partei einladen, die ein Problem wirklich erarbeitet haben und nicht nur ein „briefing“ nachbeten.

Wahrscheinlich gibt es von vertrauenswürdigen Organisationen, z.B. von der evangelischen Diakonie wieder Wahlprüfsteine, die mir die Wahl zwar nicht erleichtern, aber doch Erkenntnisse bringen. Den „Wahl-o-mat“ allerdings werde ich nicht mehr konsultieren. Er rät mir jedes Mal zu einer Splitterpartei.

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