Verraten und verkauft

Viele Gemeinden führen im Januar Bibelabende durch. Oft werden sie routiniert abgespult, sodass der Besuch schwach ist. Dieses Jahr sind Texte aus dem Matthäusevangelium vorgesehen. Ich übernehme die sog. „Seligpreisungen“ (Matth.5,1-12.) Mir gefallen solche Veranstaltungen, da man auf die Fragen der Leute eingehen und diskutieren  kann. Der Text selbst in der Lutherübersetzung ist (allzu) bekannt, da er als Psalmgebet gesprochen wird.

Matthäus stilisiert für sein Evangelium Jesus als Lehrer in der Art der Rabbinen im Sitzen (Lehrstuhl) und fasst seine Lehre zusammen. Bevor seine Interpretation der Thora vorgetragen wird, beginnt er mit einem Prolog. Dort werden Menschen glücklich genannt, die nach menschlichen Maßstäben verraten und verkauft sind.

  1. Verraten und verkauft sind die Armen, denn auf ihnen trampelt man herum. Dagegen heißt es: „Glücklich, die aus Geist Armen, denn ihnen gehört das Königtum der Himmel.“ Das ist keine Vertröstung auf ein Jenseits und keine übermenschliche Forderung, sondern eine Beschreibung dessen, was möglich wird denen, die sich wirklich auf Gott einlassen. Max Frisch: „Ohne die Gewissheit von einer absoluten Instanz außerhalb menschlicher Deutung, ohne die Gewissheit, dass es eine absolute Realität gibt, kann ich mir nicht denken, dass wir je dahin gelangen können, frei zu sein.“
  2. Verraten und verkauft sind die, die einen Verlust beweinen, denn man lässt sie allein oder macht einen Bogen um sie. Sie stören den Betrieb. Dagegen heißt es: „Glücklich die Trauernden, den sie werden Zuspruch erfahren.“ Sie sind nicht länger gefangen im Prozess der dauernden Selbstoptimierung, verweigern sich der „Keep-smiling“-Gesellschaft. Wer sich das Recht nimmt, auszusprechen, was weh tut, hat nichts mehr zu befürchten.
  3. Verraten und verkauft sind die Gedemütigten. Im Sozialdarwinismus sind sie selber schuld an ihrer Misere. „Weh dem, der schwach ist.“ (Adolf Hitler) Diese Haltung führt in den andauernden Rüstungswahnsinn, den man nur mit gehöriger Verdrängung aushält. Der Machtkampf der Großen ruiniert die gesamte Natur. Dagegen: „Glücklich die Wehrlosen, denn sie werden das Land erben.“ Er allein macht keine Angst, die neue Rüstung provoziert. Keiner hat das besser verstanden als der Hindu Gandhi.
  4. Verraten und verkauft sind die, die nach Gerechtigkeit hungern. Denn sie werden verlacht, dass sie an diese Utopie glauben. Dagegen „Glücklich die hungern und dürsten nach richtigem Leben, denn sie werden gesättigt werden.“ Diese Haltung kündigt die Selbstzufriedenheit der bürgerlichen Kirche auf. Als der Schweizer Theologieprofessor Leonard Ragaz diese Bibelstelle meditierte, gab er seine Professur auf und gründete im vernachlässigten Arbeiterbezirk Zürichs eine Volksschule, um gegen die Verelendung vorzugehen.
  5. Verraten und verkauft sind die Barmherzigen, denn sie werden als Sozialromantiker verspottet. Dagegen: „Glücklich die sich Erbarmenden, denn sie werden Erbarmen finden.“ Als die ersten Missionare germanische Stämme erreichten und die Bibel übersetzten, fanden sie kein Wort für das lateinische „misericordias“. Darum schufen sie das neue Wort „Den Armen ein Herz“. Wenn es kein Wort gibt, gibt es die Sache nicht, die es bezeichnen könnte. Seit 1000 Jahren hat die Kirche bei uns eine Tradition der Barmherzigkeit geschaffen, oftmals gegen die eigenen Herrscher. Sie geht jetzt im Neoliberalismus verloren. Die Kirche darf nicht nur die Verwundeten pflegen, sondern muss den zerstörenden Elementen in die Parade fahren.
  6. „Verraten und verkauft sind die, die ein reines Herz haben, denn man nimmt sie nicht ernst. Dagegen: „Glücklich die im Herzen Reinen, denn sie werden Gott schauen.“ Lauterkeit und Aufrichtigkeit erhoffen wir von andern. Menschen können endlos klagen, wenn sie von andern verletzt wurden. Hier gilt, was Khalil Gibran schreibt: „Die Wirklichkeit eines anderen Menschen liegt nicht darin, was er dir offenbart, sondern in dem, was er dir nicht offenbaren kann. Wenn du ihn daher verstehen willst, höre nicht auf das, was er sagt, sondern vielmehr auf das, was er verschweigt.“ Glücklich sind also Menschen, die es vermögen, durch Nichteingreifen zu wirken.
  7. Verraten und verkauft sind die Pazifisten, denn sie gehören zu den Verlierern der Geschichte. Dagegen: „Glücklich die Friedenstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.“ Unsere Kirche ist nicht pazifistisch, aber man hat wenigstens die alte Doktrin vom „gerechten Krieg“ durch die Lehre vom „gerechten Frieden“ ersetzt. Was heißt das in Deutschland, wenn die Rüstungsexporte von 1,42 Milliarden Euro (2014) auf 2,32 Milliarden Euro (2016) gestiegen sind? Ständig fordert der EKD- Friedensbeauftragte Renke Brahms eine Reduzierung. Besonders absurd sind Waffenlieferungen an Saudi-Arabien und Katar. In welchen Gemeinden ist das ein Thema?
  8. Verraten und verkauft sind diejenigen, die die Lehre Jesu ernst nehmen. Sie machen sich anscheinend nur unnötig das Leben schwer. Dagegen: „Glücklich die Verfolgung leiden um des rechten Lebens vor Gott willen, denn ihrer ist das Königtum der Himmel.“ Christenverfolgung ist weltweite Praxis. Da ist Solidarität angesagt. Niemand wird hierzulande verfolgt, weil er in seinem Kämmerlein betet oder vor einer Kerze meditiert. Wer aber öffentlich seinen Glauben bekennt, kann auch bei uns anecken. Klar sollte sein: Gott ist ein Gott aller Menschen. Kein Krieg darf mehr sein. Alle Rüstung ist ein Verbrechen an den Hungernden. Der Überfluss der Reichen basiert auf der Ausbeutung der Armen. Glücklich die Menschen, die noch die Wahrheit sagen. Sie sind Jesu Verwandte.

Man hat viel diskutiert wie man den Berglehre Jesu verstehen soll. Matthäus betont immer wieder das „Tun“. Aber es ist kein Handeln, um sich ein gutes Jenseits bei Gott zu verdienen (Werkgerechtigkeit). Es geht als Folge einer geliebten Existenz um eine Umwertung der gängigen Werte, die die Evolution uns ins Hirn gepflanzt hat. Nichts weniger als das Überleben der Menschheit hängt davon ab.

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