Interkulturelle Theologie

Als ich mich 1986 in Tübingen vom Studentenpfarramt verabschiedete, lud ich zu einem interkulturellen Gesprächskonzert in die volle Stiftskirche mit Professor Hollenweger und Hans Jürgen Hufeisen.

Daran musste ich denken, als kürzlich bei einem „Neujahrstreffen“ Pfarrer Dr. habil. Martin Wendte einen Vortrag hielt zum Thema „Die Überfülle Gottes in den vielen Gesichtern Jesu Christi – Warum wir Wesentliches verpassen, wenn wir Theologie nicht interkulturell betreiben“. Als neue Frucht vom Baum der Tübinger Theologie-Erkenntnis wurde uns ein Potpourri neuer Beiträge und vor allem neuer Namen präsentiert. Da es zwar ein „handout“ gab aber keine Literaturliste, konnte ich nicht recht schlau aus dem Gebotenen werden. „Jesus geht an den Ort der Marginalisation“ – gut. Früher hieß das „Jesus in schlechter Gesellschaft“. Kann man ja im Evangelium nachlesen. Dann aber geht es weiter „und wandelt diese um in Orte des Liminalen. Als Hintergrund wird dafür die Ritualtheorie von Viktor Turner herangezogen, die besagt, dass wir in Ritualen uns verändern, indem wir in den Raum des Liminalen eintreten, in dem wir alte Rollen ablegen und das Alte kritisieren, uns in totalen Rollen begegnen und dabei eine neue Gemeinschaft bilden.“ Alles klar?

Ich übersetze das mal für mich am Beispiel Abendmahl. Da stehen recht verschiedene Leute vor dem Altar, geben sich die Hand, umarmen sich vielleicht sogar zum Friedensgruß – und sind dann neue Menschen? Meine Erfahrung ist leider anders. Rituale verändern selten, sondern bestätigen das Gewohnte. Im schlimmsten Fall ersetzen sie zu verändernde Einstellungen. Wer kennt nicht liebe Mitchristen, die trotzdem ängstliche Rassisten sind?

Walter J. Hollenweger wollte mit seiner Interkulturellen Theologie wirkliche Veränderungen und er fing bei den wissenschaftlichen Theologen an, die ihn vermutlich dafür eher verachtet denn geliebt haben. Deswegen inszenierte er beispielsweise wie bei meinem Abschied kreative Bibeltheater statt seine akademische Literaturliste um weitere Veröffentlichungen zu verlängern. Hollenweger ist dennoch Autor zahlreicher theologischer Publikationen, insbesondere zur interkulturellen Theologie und zu musikalischen und dramaturgischen Bibelauslegungen. Er etablierte mit der „Narrativen Exegese“ eine spezielle Auslegungsmethode der Bibel. Dabei verbindet er die an den Universitäten gelehrte historisch-kritische Auslegungsmethodik mit erzählerischen Elementen und dramaturgischen sowie musikalischen Inszenierungen. Vor allem auf  Evangelischen Kirchentagen fanden seine Veranstaltungen großen Zulauf.

Ich lernte ihn im Frühjahr 1986 in Selly Oak  bei der Vorbereitung für meine Dozentur in Tansania kennen. Dort öffnete er gerade den englischen Missionswissenschaftlern die Augen für die afrikanischen und asiatischen Migranten, die bereits unbeachtet das Land verändert hatten. Der Schweizer hatte im englischen Birmingham eine Professur für Interkulturelle Theologie inne, seine Spezialgebiete waren die Pfingstkirchen, die charismatische Bewegung und die Kirchen der Dritten Welt.

Seine eigene Biografie ist ziemlich multikulturell: Der in Antwerpen geborene Schweizer Hollenweger war ein Sohn eines Kellners, der auf britischen Luxusschiffen arbeitete. Nach 1929 kehrte die Familie in die Schweiz zurück, wo sie sich in Zürich niederließ. Er besuchte eine Sonntagsschule der Schweizerischen Pfingstbewegung, wo er später auch Laienprediger wurde. Er absolvierte eine Banklehre in Zürich. Später studierte er evangelische Theologie in Zürich und Basel und wurde 1961 ordiniert. 1966 promovierte er zum Dr. theol. in Zürich. In den Jahren 1965–1971 war er Exekutivsekretär beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Er war Mitglied der Christlichen Friedenskonferenz und nahm an der I. Allchristliche Friedensversammlung 1961 in Prag teil.

Sein dreibändiges Hauptwerk zur Interkulturellen Theologie verbindet die religiösen Erfahrungen von christlichen Gemeinden aus aller Welt und aus unterschiedlichen Konfessionen mit den Erkenntnissen der modernen Universitätstheologie. Ich hätte an dem Nachmittag besser zu seinem Gedenken in seinen Büchern gelesen, die bei mir einen Ehrenplatz haben.

Walter J. Hollenweger: Erfahrungen der Leibhaftigkeit. Interkulturelle Theologie, München 1979

Walter J. Hollenweger: Umgang mit Mythen. Interkulturelle Theologie 2, München 1982

Walter J. Hollenweger: Geist und Materie. Interkulturelle Theologie 3, München 1988

Er lebte nach seiner Rückkehr in die Schweiz in Krattigen (Schweiz), wo er am 10. August 2016 verstarb. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_J._Hollenweger.

 

 

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