Zeichen und Wunder

Predigt über Joh.4, 46-54: Zeichen und Wunder

Nicht vergessen kann ich ein Erlebnis, das ich gleich am Anfang meines Vikariats in dieser Gemeinde vor über vierzig Jahren hatte. Ein Mädchen rief mich abends heulend an, dass ihre Freundin, eine Konfirmandin von mir, mitten im Telefonat verstorben sei. Ich rannte zu der Wohnung und traf auf der Treppe den Arzt, der sich mit den Worten verabschiedete: „Jetzt sind Sie dran!“ Dann war ich mit der völlig aufgelösten Mutter allein. Auf dem Bett lag wie Schneewittchen schlafend die Konfirmandin, sodass ich sie am liebsten wach gerüttelt hätte. Aber das konnte ich nicht, kein Wunder geschah. Uns beiden hatte es die Sprache verschlagen, die gebeteten Psalmen trösteten wohl mehr den Seelsorger als die Mutter. Seitdem weiß ich, dass nichts schlimmer ist als wenn Kinder vor den Eltern sterben. Wir trauern nicht nur, wir bäumen uns auf, weil es einfach nicht gerecht ist. Kein Christ muss in dieser Situation wie Hiob sagen: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.“ Der Name des Herrn wurde nicht gelobt in jener Nacht.

Ich kann gut verstehen, dass sich der königliche Beamte auf den weiten Weg in die Berge nach Kana macht, um Hilfe für seinen todkranken Sohn zu holen. Wahrscheinlich hatten die Ärzte alles versucht und konnten nicht helfen. Wer würde nicht selbst in unseren aufgeklärten Zeiten alles versuchen, wenn die Schulmedizin am Ende ist. Was er mitbringt, ist allenfalls die Hoffnung auf den Wundertäter, Glauben kann man das kaum nennen. Natürlich ist ihm sein Sohn wichtiger als Jesus.

Natürlich würden auch wir alle Bedenken über Bord werfen, wenn nur die geringste Hoffnung besteht. Wobei viele nicht einmal Bedenken hätten, denn der Wunderglaube ist – Aufklärung hin, wissenschaftliche Theologie her – auch in unseren Landen weit verbreitet.

Dagegen  konnte der große liberale Theologe Adolf von Harnack schon vor über hundert Jahren in seinem berühmten „Das Wesen des Christentums“ (S.29) schreiben: „Dass die Erde in ihrem Lauf je stille gestanden, dass eine Eselin gesprochen hat, ein Seesturm durch ein Wort gestillt worden ist, glauben wir nicht und werden es nie wieder glauben; aber dass Lahme gingen, Blinde sahen und Taube hörten, werden wir nicht kurzer Hand als Illusion abweisen.“

Und seinen Studenten, die überwältigt waren von den Wundern der Wissenschaft und Technik schärft er ein, ja appelliert geradezu: „Sehr beachtenswert ist es aber, dass Jesus selbst auf seine Wundertaten nicht das entscheidende Gewicht gelegt hat…Hat er doch klagend und anklagend ausgerufen: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht!“ (Joh.4,48) Wer diese Worte gesprochen hat, kann nicht der Meinung gewesen sein, der Glaube an seine Wunder sei die rechte oder gar die einzige Brücke zur Anerkennung seiner Person und seiner Mission; …Die Wunderfrage ist etwas relativ Gleichgültiges gegenüber allem anderen, was in den Evangelien steht. Nicht um Mirakel handelt es sich, sondern um die entscheidende Frage, ob wir hilflos eingespannt sind in eine unerbittliche Notwendigkeit, oder ob es einen Gott gibt, der im Regimente sitzt und dessen naturbezwingende Kraft erbeten und erlebt werden kann.“ (S.30)

Ob der königliche Beamte, vermutlich ein Jude, an Gott glaubt, wird nicht gesagt. Er will, dass sein Sohn nicht stirbt. Es ist allenfalls ein gewisser verzweifelter Glaube an den Wundertäter. Aber erstaunlich: Das genügt. Zwar wirkt Jesus zunächst fast unwillig. Jedenfalls nicht werbend. Der Beamte bleibt hartnäckig: „Herr. Komm herab, bevor mein Kind stirbt!“ Und da sagt Jesus: „Geh! Dein Sohn lebt!“ Er setzt nichts weiter voraus. Keine frommen Vorleistungen.

Der Mann glaubt dem Wort, obwohl er nichts sieht. Er geht heim mit dem bloßen Wort. Sein Vertrauen wird nicht enttäuscht. Sein Kind lebt. Skeptisch forscht er nach, wann die Gesundung eingetreten ist. Er muss sie auf das Wirken Jesu zurückführen und zieht Konsequenzen. Es heißt: „Und er glaubte und mit ihm seine ganze Hausgemeinschaft“. Nun ist es nicht mehr die Hoffnung, dass sein Sohn gesund wird. Das ist geschehen. Es ist eine Entscheidung für die Person Jesus, den Christus. Hinter dem Leben, das dem Sohn neu geschenkt ist, erkennt er den Spender des ewigen Lebens.

Man kann in dem Wunder auch praktizierte Feindesliebe sehen, denn der Beamte dient dem ziemlich üblen Tetrarchen Herodes Antipas. Ich habe ihn kürzlich einen „antiken Assad“ genannt. Der hatte Johannes den Täufer in den Kerker geworfen und dann töten lassen, weil ihm dessen prophetische Kritik zu weit ging. Jesus hat ihn mal „Fuchs“ genannt und war auf der Hut vor ihm. Man würde gern wissen, wie dieser Beamte sein Amt mit seinem neuen Glauben vereinbaren kann. Doch darüber sagt der Evangelist Johannes nichts. Stattdessen ist ihm die Bemerkung wichtig: „Das war nun das zweite Zeichen seiner Vollmacht, das Jesus gab.“

Wir würden überhaupt gern genauer wissen, was damals geschehen ist. Über heilende Taten Jesu gibt es unter Historikern anders als im 19. Jahrhundert keine Zweifel mehr. Aber über das tatsächliche Geschehen wissen wir nichts. Der Verfasser dieses Evangeliums war kein Augenzeuge, kein Jünger oder Apostel, auch wenn die kirchliche Tradition das lange so verstanden hat. Seit 1820 mindestens wissen wir es durch K.G. Bretschneider genauer: Ein anonymer Heidenchrist schreibt aufgrund von verschiedenen Quellen – eine nennt man „Zeichen-Quelle“, weil sie Wunder als Zeichen zählt – keine Biografie Jesu, sondern wie er das Heilsgeschehen versteht. Wir wissen einigermaßen, wie Johannes die Überlieferung geformt hat, die ihm vorlag. Wunder sind ihm ein Zeichen.

Jesu Offenbarungsreden sind ihm wichtiger als Wundergeschichten. Wie es am Ende des Evangeliums in Kapitel 20,30f. heißt: „Viele und andere Wunder tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes.“

In Deutschland haben wir dafür den schönen, leider aus der Mode gekommenen Titel „Heiland“. Es geht mit Christus um Heil und Heilsames. Darum ist der traditionelle Titel des heutigen Sonntags „Der Heiden Heiland“.

Im Vergleich zu anderen Schriften der Antike sind die Evangelien mit Wundergeschichten ziemlich sparsam. So zurückhaltend, dass später zahllose Legenden den Wunderglauben beflügelt haben. Er hält bis heute in und außerhalb der Kirchen an.

In Afrika, Asien und Amerika prahlen zahllose Prediger mit Wundern. Als ich letztes Jahr meine frühere Arbeitsstätte in Tansania besuchte, lief in der Stadt gerade eine US-amerikanisch inspirierte Massenevangelisation, die unverhohlen gewaltige Wunder und Heilungen versprach. Ähnliche Phänomene habe ich im orientalischen Islam und Buddhismus Asiens angetroffen. Und in Deutschland heute?

Ich lese in der aktuellen Ausgabe von „Psychologie heute“ ( Michael Utsch, Der Esoterik- Boom, S.34 ff, Februar 2017):

Irrationales Verhalten boomt. Es ist heute kein Widerspruch mehr, als IT-Expertin während der Woche Software zu entwickeln und am Wochenende Engelseminare anzubieten. Viele Menschen können heute empirisches Wissen und esoterische Weisheit verbinden, ohne Bauchschmerzen zu bekommen. Im Spannungsfeld von Religion und Therapie sind heute zahlreiche Heilsspezialisten tätig, die einen großen Wachstumsmarkt bedienen. Schätzungen zufolge werden allein in Deutschland damit pro Jahr 20 bis 25 Milliarden Euro verdient. Etwa 15 Prozent vom Jahresumsatz des deutschen Buchhandels werden mit esoterischer Lebenshilfe erwirtschaftet. Dabei bleibt es oft nicht bei der harmlosen Freizeitbeschäftigung abendlicher Lektüre. Manche Esoterikgläubige buchen Seminare und Kurse, flüchten sich von Heilsversprechen zu Heilsversprechen, stürzen sich zur Finanzierung in Schulden und geraten vor bösen Flüchen in Panik. Oder sie meinen sogar, dass ihr neu gefundener Glaube den Arztbesuch gänzlich überflüssig mache.“

Menschen suchen nach Sinn und Bedeutung angesichts des Unberechenbaren und Absurden. Die Reformation hat uns mit ihrer Kritik am Wunderglauben ein nüchternes Erbe hinterlassen. Wunder sind Taten Gottes, aus denen uns in besonders auffallender Weise Gottes Wirken bekannt wird. Martin Luther: „Die rechten hohen Wunder, die Christus ohne Unterlaß in der Christenheit wirkt, bestehen darin, dass er noch heute durch sein Wort Glauben wirkt .“

Die reformatorischen Bewegungen verstanden Kirche nicht so sehr als Institution, sondern als das getaufte Volk Gottes, das sich in heilsamen Gemeinschaften versammelt. Kirche als Gemeinschaft in der Nachfolge Christi ist der  Ort, an dem das universale Wort Gottes gehört und die Sakramente gefeiert werden, und dies in verschiedenen Sprachen, Traditionen und Bekenntnissen. Ihr Auftrag ist, zur Heilung der Welt beizutragen.

Heilsam also soll unser Wirken sein. Manchmal sind einfache Leute die besten Seelsorger. Als ich kürzlich mit einem durchaus nüchternen Geschäftsmann über das Sterben sprach, sagte er zu meiner Verblüffung, er habe Angst vor einem schmerzhaften Sterben, aber keine Angst vor dem Tod. Er freue sich auf das Paradies. „Paradies“ – ein durch islamische Selbstmord-Attentäter geschundenes Wort! Ist das der Grund, dass ich es schon lange nicht mehr auf einer christlichen Beerdigung in Deutschland gehört habe?

Ich habe eingangs meine Ohnmacht geschildert angesichts der toten Konfirmandin. Ich fand keine angemessenen Worte. Die völlig aufgelöste Mutter hätte auch kein Wort annehmen wollen oder können. Heute möchte ich ihr sagen, wenn sie mich hören könnte:

„Ihr Kind ist nicht verloren. Es ist im Paradies.“ Wie wir eingangs gesungen haben:

Wie freu ich mich, Herr Jesu Christ, dass du der Erst und Letzte bist, der Anfang und das Ende! Du, der sein Leben für mich ließ, nimmst mich einst in dein Paradies; drauf faß ich deine Hände. (EG 544,7)

Amen, Amen!

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s