Im Westen Neues

Der Erste Weltkrieg ist weniger im deutschen kollektiven Bewusstsein als der Zweite. Dennoch holt uns seine Geschichte immer wieder ein, denn seine unvollkommene Aufarbeitung machte die nächste Katastrophe möglich.

Zu einer mir wichtigen Quelle wurde der Bestseller von Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“, dessen Verfilmung mich als Jugendlichen tief erschüttert hat. Eine fast gleichaltrige Schulklasse wird an der Front verheizt. Aber das nimmt der Heeresbericht nicht zur Kenntnis. Damals hatte ich die Schlachtfelder in Frankreich mit seinen unzähligen Gedenkkreuzen noch nicht kennengelernt. Jetzt hat ARD Alpha den Film noch einmal gezeigt. Inzwischen haben wir wieder so viele Kriegsgräuel der Gegenwart vor Augen, dass sich die frühe Erschütterung nicht wiederholen lässt, gleichwohl aber die Empörung über die immer neue Dummheit der politischen Eliten, die junge Leute in den Tod schicken.

Im Internet informiere ich mich über die Hintergründe des Romans und des (amerikanischen) Films, der zuerst 1930 in den USA gezeigt wurde und lange in Deutschland verboten war. Er ist so perfekt synchronisiert, dass man ihn für eine deutsche Produktion hält.

Als Dietrich Bonhoeffer 1930 in New York studierte, sah er die Uraufführung dieses Films. In einer neueren Biografie schreibt Charles Marsh (Dietrich Bonhoeffer, Der Verklärte Fremde, Gütersloh 2015, S. 149):

„“Der Saal war voll“, berichtete Lassere. „Das Publikum war amerikanisch, aber da der Film aus der Perspektive der deutschen Soldaten gemacht war, fühlte jeder sofort mit ihnen. Wenn französische Soldaten auf der leinwand erschossen wurden, lachte und applaudierte die Menge. Wenn andererseits die deutschen Soldaten verwundet und getötet wurden, gab es eine große Stille und ein Gefühl tiefen Mitleidens. Das war für uns beide eine ziemlich schwierige Situation, weil wir beieinander saßen, er, der Deutsche und ich, ein Franzose“. Bonhoeffer schien von der Darstellung peinlich berührt. Natürlich war das Erlebnis umso verwirrender, als „die Amerikaner auf Seiten der Franzosen gegen die Deutschen gekämpft hatten“. Vom „brüderlichen Standpunkt aus“, fuhr Lassere fort, habe es ihn tief berührt, als er sah, welche Mühe Bonhoeffer sich gab, ihn zu trösten, als der Film vorbei war. „Ich war sehr bewegt und auch er war bewegt, aber wegen mir“, erinnert sich Lasserre. „Ich glaube, es war dort, dass wir beide entdeckten, dass die Gemeinschaft der Kirche viel wichtiger ist, als die Gemeinschaft der Nation.““

Es ist ziemlich sicher, dass der französische Freund Bonhoeffer beeinflusst hat. Lasserre blieb zeitlebens Pazifist. Bonhoeffer, der bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs seine Ideen teilte und den Krieg der Nazis verhindern wollte, entschloss sich danach zum Widerstand und stellte sich der Spionageabwehr der Wehrmacht, wenn auch als ziviler Mitarbeiter, zur Verfügung. Die „Abwehr“ des Admiral Canaris war ein Zentrum des deutschen Widerstands gegen Diktatur und Krieg. Das moralische Dilemma versuchte Bonhoeffer in seiner „Ethik“ zu lösen.

Man kann sich fragen, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn das Buch „Im Westen nichts Neues“ so wie heute Schulbuchlektüre gewesen wäre. Stattdessen wurde es damals von den Nazis mit anderen Büchern öffentlich verbrannt.

Und Jean Lasserre? Sein Buch „Der Krieg und das Evangelium“ (Chr. Kaiser Verlag München) dürften die wenigsten Theologen kennen. Er ist vergessen.

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