Märtyrer

Die Tübinger Stiftskirchengemeinde hat es wieder geschafft: Zum 4.Mal wurde an den Festtagen das Weihnachtsoratorium aufgeführt. 8000 „Hörer“ wurden gezählt, allein gestern 1000. Wenn ich nicht selber zu predigen hatte, habe ich mir den musikalischen Genuss gegönnt. Ganz konnte ich aber den Verdacht nicht abwenden, dass sich hier ein ziemlich saturiertes Bürgertum selber feiert.

Das war gestern in Rottenburger Dörfern anders, wo ich vor einem Häuflein gepredigt habe, das der Kälte trotzte.

Als Jesus erfuhr, Johannes sei verhaftet und eingekerkert worden, zog er sich nach Galiläa zurück. (Matthäusevangelium Kap.4)

„Johannes der Täufer,  Asket aus der Wüste, jener unerschrockene Mann, hat mit seinen Bußpredigten den gewalttätigen Fürsten Herodes Antipas, gewissermaßen ein antiker Assad,  herausgefordert. Der hatte die Ehe mit Herodias,  Frau seines Bruders, gebrochen, –  ein Verstoß gegen die Tora. Keineswegs „untertan der Obrigkeit“ hat er nicht nur die Verfehlungen des Volkes, sondern auch die der Oberschicht angegriffen. Wie die früheren Propheten verlangt er Abkehr vom Bösen und verkündet das Gericht Gottes, wenn sie verweigert wird. Herodes Antipas lässt ihn hinrichten. So wird er zu einem Märtyrer, einem Glaubenszeugen.

Wer auf weltliche Macht verzichtet, muss bereit sein zu leiden. Erschreckend vertraut klingt dieses alte Lied: Das Tablett wird schon vorbereitet, auf dem der Kopf des Johannes dem Herodes und seiner Gattin überreicht werden soll. Blutiger Sadismus zum Vergnügen einer Tischgesellschaft, lange vor dem Zeitalter der Gewaltvideos.
Gewaltlosigkeit kann einen hohen und blutigen Preis haben.

Ein Wort zu dem Begriff Märtyrer, der gegenwärtig in der islamischen Religion geradezu inflationäre Bedeutung bekommen hat: Im Christentum wurde niemals ein Mensch Märtyrer genannt, der andere umgebracht hat. Märtyrer (aus dem Griechischen: Zeuge) werden Christen genannt, die lieber selber den Tod erleiden als unseren Glauben an Gott als Liebhaber des Lebens zu verleugnen. Es ist wichtig, dass wir in der gegenwärtigen ideologischen Auseinandersetzung die Begriffe öffentlich klarstellen. Wer sich und andere in die Luft sprengt, ist ein Verbrecher, kein Märtyrer. Er ist auch kein Soldat, er ist ein Verbrecher und gehört vor Gericht. Das ist mir um so wichtiger, wenn ich höre, dass im Jahr 2016 Tausende Christen umgebracht wurden nur weil sie Christen sind.“

Ich bin dankbar, dass der Kirchengemeinderat in unseren Gottesdiensten die Kollekte für „medica mondiale“ bestimmt hatte. (Wer im Sessel sitzen bleibt, erspart sich auch diese Ausgabe!) medica mondiale ist eine in Deutschland ansässige internationale Nicht-Regierungsorganisation, die sich weltweit für Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten einsetzt. medica mondiale unterstützt Frauen und Mädchen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, ungeachtet ihrer politischen, ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Gemeinsam mit Frauen aus der ganzen Welt setzt sich medica mondiale dafür ein, dass Frauen in Würde und selbstbestimmt leben können.

Sexualisierter Kriegsgewalt auf allen Ebenen zu begegnen, dieser Aufgabe stellt sich medica mondiale seit der Gründung in 1993. Nach wie vor werden Frauen und Mädchen in kriegerischen Auseinandersetzungen vergewaltigt und als „natürliche“ Kriegsbeute von Männern betrachtet – täglich und an vielen Orten auf dieser Welt. medica mondiale hilft dort, wo den Verbrechen tatenlos zugesehen wird, wo Frauen und Mädchen keine Unterstützung erfahren und auf sich selbst gestellt sind.

medica mondiale bietet Frauen und Mädchen, die Vergewaltigung und Folter erlebt haben, lebensnotwendige medizinische, psychologische und rechtliche Unterstützung und Programme zur Einkommensförderung – sowohl mit eigenen Projekten als auch in Zusammenarbeit mit kompetenten Frauenorganisationen vor Ort. Gleichzeitig setzt sich medica mondiale politisch für die Rechte von Frauen ein und macht öffentlich auf die Verbrechen und die zerstörerischen Folgen für Frauen und Gesellschaften aufmerksam. Mit dem Einsatz von medica mondiale sollen Frauen die Chance erhalten, trotz ihrer Erfahrung entwürdigender und zerstörerischer Gewalt eigenständig und selbst bestimmt leben zu können:

Weitere Spendenmöglichkeit unter http://www.medicamondiale.org/

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