Trutz Rendtorff gestorben

Zu meinen Lehrern gehörte Professor Trutz Rendtorff nicht, eher zu den theologischen Gegnern. Aber bekanntlich lernt man von denen am meisten. Als ich in den Weihnachtstagen vom Tod Rendtorffs erfuhr, erinnerte ich mich an sein Büchlein von 1968 „Theologie der Revolution“, das er zusammen mit Heinz Eduard Tödt auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung in der von allen „Progressiven“ abonnierten Reihe „edition suhrkamp“ (Nr.258) veröffentlicht hatte.

Das Wort „Revolution“ hatte damals einen guten Klang als Wende vom Schlechten zum Guten, obwohl die zeitgleiche „Kulturrevolution“ Maos in China tobte. Ich wundere mich noch heute, wie blind angeblich kritische Studenten auf diese Barbarei schauten.

Ich hole also wieder einmal ein lange nicht gelesenes Buch aus dem Keller und studiere meine damaligen Unterstreichungen und Bemerkungen. Viele Theologiestudenten waren begeistert von einer heute vergessenen „Theologie der Revolution“, die Richard Shaull aufgrund seiner Erfahrungen in Südamerika entworfen hatte. Sie passte zu der widersinnigen Heroisierung Che Guevaras, dessen Bild wie eine Ikone verehrt wurde.

Tödt und Rendtorff widersprachen diesem Trend und erinnerten an die deutsche Erfahrung mit den Nazi-Christen, die ebenfalls von einer Revolution schwärmten und Adolf Hitler zum Erlöser erklärten:

„Überblickt man den Wert der Theologie der Revolution, soweit das bisher möglich ist, ihre Struktur und ihre theologische Argumentation, so zeigt sich eine merkwürdige Ambivalenz. Sie besteht in der Verbindung politischer und sozialer Progressivität mit Tendenzen einer letztlich unkritischen Bibeltheologie und Geschichtstheologie.“ S.67

Und Rendtorff stellte Fragen: „Ist Freiheit erst das Merkmal einer künftigen Welt oder Gesellschaft? Oder ist sie nicht das Maß unserer endlichen Welt, so daß sich auch die Theologie darnach bemessen muß, indem sie sich von der Ethik begrenzen lässt und nicht mehr verspricht, als Menschen zu halten vermögen?“ S.75

Sowieso fern von jeglicher Revolutionsschwärmerei mag dieses Büchlein beigetragen haben, dass ich mich eher für Reformen in Kirche und Gesellschaft eingesetzt habe. Dazu hat allerdings mein Studium beim Sozialethiker Professor Heinz Eduard Tödt in Heidelberg mehr beigetragen.

In der EKD-Synode und der Synode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschland (VELKD) setzte sich Trutz Rendtorff  für ein offenes Christentum und einen Protestantismus als „Institution der Freiheit“ ein. Die Theologie war für ihn ein „geistvoller Umgang mit dem Leben“.  Als „liberalen Kulturprotestanten“ bezeichnete ihn der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf (München) in einem Nachruf der „Neuen Zürcher Zeitung“:

„In seiner 1966 publizierten Habilitationsschrift «Kirche und Theologie. Die systematische Funktion des Kirchenbegriffs in der neueren Theologie» zeigte er am Beispiel des prominenten Aufklärungstheologen Johann Salomo Semler, wie neben einer öffentlichen bzw. kirchlichen Theologie eine «Privattheologie» entstand, in der jeder und jede fromme Einzelne eine individuelle Sicht aufs Christentum ausbildetet. Ein «Christentum ausserhalb der Kirche» sei theologisch ebenso legitim wie ein «unfanatischer Denkglaube», der es dem Individuum erlaube, sich um seiner Freiheit willen vom Ganzen der Gesellschaft zu unterscheiden…

Kirchenpolitisch wollte Rendtorff, ein liberal-konservativer Wechselwähler ohne feste Parteibindung, hoch engagiert die Demokratieferne des lutherischen Protestantismus überwinden und der Evangelischen Kirche in Deutschland helfen, ein demokratiekompatibles Selbstverständnis als zivilgesellschaftliche Organisation im Staat des Grundgesetzes zu entwickeln.“

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