Reformation und Bildung

Im altehrwürdigen Evangelischen Stift in Tübingen findet eine hochkarätige Podiumsdiskussion zum Thema „Reformation und Bildung“ statt. Tradition ist ja schön und gut, aber der bestuhlte Speisesaal mit seiner schlechten Akustik ist für Zuhörer eine Zumutung. Das hindert die verschiedenen Gruß-Redner allerdings nicht. Der stets wortflotte Oberbürgermeister Boris Palmer kann sogar in den berühmt-ironischen Vers von Eduard Paulus den Philosophen Fichte eingemeinden, der Württemberg nie betreten hat. Die Fassung im Original lautet: „Der Schiller und der Hegel, der Schelling und der Hauff,/ die sind bei uns die Regel, die fall’n hier gar nicht auf.“ Der gern zitierte Vers verschleiert, dass seit hundert Jahren kein Stiftler mehr eine überregionale Rolle in der deutschen Geisteswelt gespielt hat. Die meist braven Studenten und netten Studentinnen glänzen heute sowieso überwiegend durch Abwesenheit.

Das Podium besetzen der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der Landesbischof Frank O. July, der Religionspädagoge Prof. Friedrich Schweitzer und die Schulleiterin Cornelia Theune, die m.E. die besten, weil praxisnahen Beiträge liefert.

Nachdem alle die historische Leistung der Reformation für die Bildung in Deutschland gewürdigt haben, geht es vor allem um den Religionsunterricht, der – so Kretschmann – wie kein anderes Fach vom Grundgesetz geschützt ist. Deswegen ist eine Veränderung des konfessionellen Charakters nur mit einer Zweidrittel Mehrheit im Bundestag möglich. Er sieht aber auch, dass nicht nur in seiner grünen Partei die Säkularisten zunehmen und die gesellschaftliche Basis für dieses Modell schwindet. Professor Schweitzer reagiert auf die multireligiöse Zusammensetzung der Schülerschaft mit Konzepten eines „konfessionell-kooperativen Unterrichts“. Ansonsten verweist er wie der Bischof auf die Statistik, die in Württemberg eine große Teilnahme und Zustimmung zeigt. Beide Vertreter der Kirche bringen aber nicht nur Forderungen an die Politik, sondern können auch auf nichtschulische kirchliche Jugendarbeit mit enormen Teilnehmerzahlen verweisen. Sie weisen den Begriff „Einmischung“ zurück, den der Moderator vom SWR Hoger Gohla provozierend vorgebracht hat. Christen sind Staatsbürger wie andere auch und nehmen ihre Rechte wahr. Solche Partizipation wird vom Ministerpräsidenten ausdrücklich gewünscht.

Mir fehlt in der Diskussion die Rolle des Elternhauses. Alle stellen Forderungen an Politik, Schule  und Kirche. Was aber leisten eigentlich die Eltern? Traditionell wurde religiöse Bildung zunächst von der Familie geleistet. Ich habe beispielsweise die Zehn Gebote nicht in der Schule, sondern von meinem Großvater gelernt. Gegenwärtig kann man fast nur noch in pietistischen Familien sehen wie das funktioniert. Und in islamischen. Doch den Islam sieht der Ministerpräsident überraschend negativ.

Unklar ist, welche Rolle die „digitalen Revolution“ spielen wird, die Cornelia Theune betont. Sie hat selbst sowohl das Fach Informatik als auch das Fach Religion unterrichtet und fragt, wie man mit diesen neuen Herausforderungen umgehen kann. Wird das Buch künftig wirklich vom Smartphone abgelöst? Kommen Werte unter die Räder?

Einige Doktoranden haben vor der Debatte eine Kostprobe gegeben. In einer „digitalen Entdeckungstour“ zeigen sie Tübinger Reformationsgeschichten. Man kann sich die App(lication) herunterladen und dann einen virtuellen Spaziergang durch Tübingen machen. Ich gebe zu, das macht Spaß. Aber Bildung? Eher würde ich es Tourismuswerbung nennen.

Immerhin ist es drinnen wärmer als draußen ein echter Rundgang, den Mitarbeiter des „EKD-Trucks“ am nächsten Tag anbieten. Dieses mobile Informationszentrum zur Reformation macht derzeit Station in unserer Stadt und reist dann weiter durch halb Europa in 67 Städte. Ich gebe zu, dass ich meine gemütliche Leseecke zuhause vorziehe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s