Innovative Reformation

 

 

Das „Studium Generale“der Tübinger Universität ist ein tolles Angebot. https://www.uni-tuebingen.de/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&g=0&t=1481924688&hash=b7810b9f74f60d1dfebdfb51eedc709cd7b95ed0&file=fileadmin/Uni_Tuebingen/Allgemein/Dokumente/Publikationen/Studium_Generale/StudiumGenerale_WS_16_17.pdf

„Lernen von den Religionen“ heißt eine Reihe. Heute geht es um  „Innovation durch Reformation“. Die erste Rednerin ist die katholische Theologieprofessorin Johanna Rahner. Sie hat auch ein Biologiestudium abgeschlossen und arbeitet auf dem Lehrstuhl von Hans Küng. Das ist ja mal eine Innovation, jedenfalls für die katholische Kirche. Früher bekamen solche Posten nur Priester. Allerdings bewegen sich ihre Ausführungen heute weithin im binnenkirchlichen Horizont. Anscheinend ist es schon viel „Innovation“, wenn endlich die Beschlüsse des 2.Vatikanischen Konzils umgesetzt werden. Sie kann aber auch anders:

„Seit dem Zweiten Vatikanum haben wir ein offenes Verständnis des Katholizismus. Wir sollen mit der Welt katholisch sein und nicht gegen die Welt. Hans Küng hat sich über die Grenzen der katholischen Kirche hinweggewagt und wurde deshalb auch außerhalb der Kirche als Gesprächspartner ernst genommen… Ich möchte die klassische Dogmatik nach außen hin öffnen; interkonfessionell und interreligiös, aber auch im Angesicht von Nicht-Glaubenden und Zweiflern…Die Attitüde „Wir haben die Wahrheit, die anderen suchen sie noch“ ist theologische Hybris…Wenn die Kirche die Welt scheut, wird sie esoterisch, also selbstbezüglich. Sie muss der Welt etwas geben, ohne sich darin aufzulösen. Dabei kann sie aber auch fehlgehen. Die Kirchenväter hatten nie ein Problem, zuzugeben, dass die Kirche eine casta meretrix , eine keusche Hure ist.“ Zum Frauenpriestertum zitiert sie einen berühmten Verwandten: „ Karl Rahner hat einmal formuliert, dass er kein theologisch stimmiges Argument für die Verweigerung der Frauenordination kenne. Jedes Argument werde durch das Prinzip der Gleichberechtigung aus der Genesis wieder entkräftet.“„Ein frommer Mensch kann nicht dumm sein! Zum Amen gehört das Aber. Wer den Glauben ohne Zweifel will, verkauft ihn unter Niveau. In manchen Kirchen Afrikas heißt es: Wenn Gott dich auserwählt hat, dann hast du in dieser Welt Erfolg. Das meinte Karl Marx mit Religion als Opium des Volkes. Mir sind halb leere Kirchen mit aufgeklärten Katholiken lieber als volle Kirchen, die die Not der Menschen ausnutzen.“

Uns Protestanten sieht sie ebenfalls kritisch: „Man scheint immer noch nicht sagen zu können, was protestantisch heute heißt, ohne sich am Katholizismus abzuarbeiten. Die Profilierungsnot reicht mit Blick auf 2017 soweit, dass Martin Luther gar zum Erfinder der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz stilisiert wird. Diese Art konfessionelle Profilneurose ist lächerlich…Das Erbe der Reformation ist ein gemeinsames Erbe. Und damit die Erkenntnis, dass stets neu um den Glauben gerungen und um seine Gestalt gestritten werden muss. Wir sollten lieber das Gemeinsame betonen: Die Option, Freiheit und Glaube zusammenzudenken. Und die personale Würde des Menschen als Dreh- und Angelpunkt des Christentums zusehen.“

Der zweite Redner dieses seltsamen Dialogs ist Professor Christoph Schwöbel, den ich wegen seines weiten Horizonts sehr schätze. Er setzt sich mit der „Postmoderne“ auseinander, die sich oft von der Vernunft verabschiedet. Gesellschaftliche Folgen der postmodernen Situation sind Pluralisierung, Individualisierung, Merkantilisierung und Ästhetisierung. Spirituelle Folge ist der Verlust der Gnade, d.h. die Erfahrung eines Angenommenseins und -werdens durch Gott, das vor und jenseits aller eigenen Leistung und Rechtfertigung liegt.

Der evangelische Theologe kann nicht nur Erfahrungen aus Rom beisteuern, sondern ist auch mit führenden Islam-Theologen in Iran im Gespräch. Leider kommen seine eigenen Innovationen an diesem Abend zu wenig zur Geltung, da auch in der Diskussion mit dem Publikum die historischen Fragen überwiegen. Statt die Reformation weiter zu entwickeln angesichts der globalen Probleme, die uns bedrängen. Er kritisiert mit Recht die nationale Engführung der Reformationsdebatte, die schon mit dem „zu frühen Datum des Thesenanschlags“ beginnt. Der Durchbruch war das Auftreten Luthers vor dem Reichstag in Worms als er seine Gewissensfreiheit  gegen die Macht von Kaiser und Papst behauptete. Und feiern könnte man seine Verbrennung des Kanonischen Rechts zusammen mit der „Bannandrohungbulle“. Das muss Frau Rahner einräumen. Theoretisch bestimme in der Katholischen Kirche die Theologie das Kirchenrecht. Faktisch bist es umgekehrt. Und damit wird der gegenwärtige Papst Franziskus ständig ausgebremst.

 

 

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