Luther!

Luther steht bei mir in solcher Verehrung, dass es mir, alles wohl überlegt, recht lieb ist, einige kleine Mängel an ihm entdeckt zu haben, weil ich in der Tat der Gefahr sonst nahe war, ihn zu vergöttern.“ So begeistert äußerte sich Lessing 1753. Bewusst setzt der Philosoph und Schriftsteller Joachim Köhler dieses Zitat über seine Luther-Biographie, die ich nun endlich durchgelesen habe.

»Christsein heißt, von Tag zu Tag mehr hineingerissen werden in Christus.« Dieses leidenschaftliche Bekenntnis des Reformators steht im Mittelpunkt des Buches, das Luthers dramatische Entwicklung in drei Stadien – Bedrängnis, Befreiung und Bewahrung – darstellt.

Köhler schreibt uns den großen Luther ins Herz, ohne den manchmal kleinlichen und irrenden zu beschönigen. Vor allem aber zeigt er: Luther ist nicht von gestern. Er hat vor 500 Jahren Fragen aufgeworfen und beantwortet, die wir uns heute wieder stellen: Wohin uns diese von sich selbst besessene Gesellschaft bringt, in der nur das Ich und seine Facebook-Likes zählen.

In einem Interview sagte der Autor:  Ich wollte über Luther, den Befreiten, schreiben. Der Glaube bedeutete für ihn Befreiung. Glaube ist nach der Vorstellung der meisten Menschen eine Zwangsjacke. Aber er zeigte, er erlöst aus der Zwangsjacke des Selbstbezugs des Menschen und er ist  Freiheit. Luther gab sich den Namen Martinus Eleutherius, das ist Griechisch und es heißt der Befreite. Martin ist jetzt der Befreite. Und als verkürzte Form dieses Eleutherius wählte er dann Luther. Das heißt: Luther ist Synonym für Befreiung und das wollte ich in meinem Buch anschaulich machen. Luther ist nicht eine besondere Art sozusagen eine neue Zwangsjacke einer menschenfeindlichen Religion, sondern im Gegenteil, er ist die Befreiung des Menschen zu dem, was er als Christenmensch bezeichnet. Er ist ein Philosoph der Freiheit.“ Und ein Theologe der Freude mit umwerfenden Humor á la Eulenspiegel. “Nur wer überall und immer lachen kann, ist ein wahrer Doktor der Theologie.“ (WA 239,15) Der scholastischen Selbstherrlichkeit setzt er „wissendes Nichtwissen“ entgegen. Als es für ihn um Tod und Leben ging, sei er wie „ein Narr mit fröhlichem Gesicht“ vor den Kaiser getreten.

Das sind Töne, die man unter progressiven Protestanten selten findet, sofern sie sich überhaupt von Kirchengeschichte und Reformation etwas erwarten. Wir finden einen frühen Kritiker einer menschenfeindlichen Globalisierung. Köhler betont immer wieder die gesellschaftspolitischen Zustände der Reformation:

„Mit Columbus trat Europa in die Epoche der Globalisierung ein. Der „Weltmarkt“, basierend auf Bankgewerbe, Industrieproduktion und Logistik, entstand. Wer gestern noch seinen Acker bebaut hatte, nahm heute einen Kredit auf, um Waren zu produzieren und zum Verkauf in ferne Länder zu exportieren. Dass man sich damit an anderen Völkern vergriff, war dem Reformator sehr wohl bewusst. Nie zuvor in der Geschichte, so würde er dereinst sagen, hätten so viel Irrtum, Sünde und Lügen geherrscht wie in dieser Epoche, wo die Kaufmannschaft um die Welt fährt und alle Welt verschlingt.“

Das Buch ist flott geschrieben, was den Neid der theologischen Zunft hervorruft. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann kann dem Autor höchstens literarisches Talent attestieren. Sachkenntnis über Luther gesteht er ihm nicht zu. Frei von Bezügen zu verlässlichen Textausgaben, meint er, stellt uns der Autor zwar einen zeitgemäßen Luther vor, der es auch schon mal krachen lässt, doch dieses „Reheroisierungsprogramm für Pluralisierungsmüde“ verfängt bei ihm nicht. Bei mir schon! Ich habe nämlich viel Neues gelernt. Niemand ist ja gehindert, nun die 80000 Seiten der Weimarer Ausgabe (WA) der Werke Luthers selbst zu lesen.

Joachim Köhler: „Luther! Biographie eines Befreiten“
Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2016. 408 Seiten, 22,90 Euro.

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