Hilfe für Yesiden

In einer frühen Zeit meiner interreligiösen Arbeit zog der konvertierte Botschafter a.D. Wilfried Murad Hofmann durch die Akademien mit der Parole „Der Islam ist die Lösung“. Ich schaue beim Frauenfilmfestival von „Terre des Femmes“ den Dokumentarfilm „Hawar“ und denke, für die Yesiden wäre der Islam in der Gestalt des IS beinahe die „Endlösung“ geworden.

HÁWAR (kurdisch: Hilfe) erzählt von der Reise der Yezidin Düzen Tekkal und ihrem Vater Seyhmus zurück zu ihren Wurzeln. Schon als sie ihr Heimatland verließen, sah die religiöse Minderheit der Yesiden, sich islamischen Anfeindungen in der Türkei ausgesetzt.  Die Journalistin, die mit ihrer Familie ein glückliches Leben in Deutschland führt, reist zum zum ersten Mal zum Ursprung ihres Glaubens, in die yezidischen Siedlungsgebiete in den Nordirak. Sie wollen die Wurzeln des yesidischen Glaubens im Irak an den Pilgerstätten erkunden. Im August 2014, als Vater und Tochter aufbrechen, landen sie mitten in einem Krieg. Denn obwohl sie ihre Reise in Zeiten des Friedens antreten wollten, hatte sich alles verändert.

Am 3. August 2014 fallen IS-Terroristen nachts in der yesidischen Stadt Shingal ein. Ganze Familien werden aus dem Schlaf gerissen und hingerichtet, innerhalb weniger Minuten werden aus Kindern Vollwaisen. Obwohl in Shingal jahrelang Yesiden mit Moslems friedlich Tür an Tür gelebt haben, macht der IS aus Nachbarn plötzlich Verräter und Mörder. Hunderte Flüchtlinge suchen in den Bergen Schutz, doch : „Wir verhungern, wir verdursten. Unsere Kinder vertrocknen. Wir mussten unsere eigenen Kinder unterwegs liegen lassen.“ Yezide im Sindschar Gebirge.

Aus der ursprünglich geplanten Reise  wird für Düzen Tekkal ein Einsatz als Kriegsberichterstatterin. Ein Krieg, der keinen kalt lassen kann. Wo die Terrormiliz des islamischen Staats unfassbare Gräueltaten verübt.

Die Bilder und Propaganda-Videos der Täter kennt die ganze Welt. Dieser Dokumentarfilm zeigt die andere Seite, die noch nicht erzählt wurde: Der Genozid an den Yeziden. Es sind Schicksale von Vätern, Müttern und Kindern, die Schreckliches erlebt haben und immer noch erleben. Sie haben die Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Ihrem Glauben bleiben sie treu, denn das ist alles was sie noch haben – bis zu ihrem Tod.

HÁWAR beweist, dass Völkermorde auch 100 Jahre nach dem Genozid an den Armeniern  grausame Realität sind, während die Welt lieber Fußball schaut.

Im Anschluss sprechen Michael Blume vom Staatsministerium, der maßgeblich die Rettung yesidischer Frauen und Kinder organisiert und in einem „Sonderkontingent“ nach Württemberg gebracht hat und Farida Khalaf, die den Terror überlebt hat. Sie kann schon auf deutsch frei sprechen und hat bereits (mit Hilfe durch Andrea Hoffmann) ein Buch geschrieben: „Das Mädchen, das den IS besiegte“ (Bastei Lübbe Verlag 2016)

Monatelang wurde Farida von IS-Schergen als Sklavin gehalten – und erlebt dabei Unvorstellbares. Ich wußte z.B. nicht, dass die Mädchen bis nach Damaskus über die Grenzen des IS hinaus verkauft werden. Was ist los mit Männern, die sich Sex auf diese Weise kaufen? Schließlich wagte sie  zusammen mit fünf anderen Mädchen die Flucht.

Ich empfinde einen Riesenunterschied, ob ich in der Tagesschau ein paar Szenen sehe, die ich bald wieder vergesse oder hundert Minuten mich vor großer Leinwand dem Geschehen aussetze als wäre ich dabei.

Gern würde man einen weiteren Film sehen, wie die yesidischen Frauen in Deutschland mit ihren Traumata umgehen, wie sie Deutschland erleben. Es ist z. B. bekannt, dass Yesiden intern strengen Geschlechterregeln folgen. Können sie diese durchhalten oder löst sich die Gemeinschaft auf? Können solche tapferen Frauen Veränderungen daheim durchsetzen? Was geschieht, wenn sie einen nicht-yesidischen Partner wählen?

Das Festival wird übrigens finanziell von der Evangelischen Kirche (Evangelisches Zentrum für Entwicklungsbezogene Filmarbeit, Brot für die Welt-Evangelischer Entwicklungsdienst) unterstützt. Dass aber die örtlichen Kirchengemeinden sich angesprochen fühlen, kann man nicht behaupten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s