Geistige Freiheit

“Ich muss da an Donald Trump denken, wenn ich diese Zeilen höre”, meinte eine Teilnehmerin des Literaturkreises, in dem ich über Stefan Zweigs Buch „Castellio gegen Calvin“ spreche.

Das Zitat: „Die messianische Sehnsucht nach einer Entproblematisierung des Daseins bildet das eigentliche Ferment, das allen sozialen und religiösen Propheten die Wege ebnet: immer braucht nur , wenn die Ideale einer Generation ihr Feuer, ihre Farben verloren haben, ein suggestiver Mann aufzustehen und peremptorisch (vernichtend) zu erklären, er und nur er habe die neue Formel gefunden oder erfunden, und schon strömt das Vertrauen von Tausenden dem angeblichen Volkserlöser oder Welterlöser entgegen – immer erschafft eine neue Ideologie (und dies ist wohl ihr metaphysischer Sinn) zunächst einen neuen Idealismus auf Erden. Denn jeder, der Menschen einen neuen Wahn der Einheit und Reinheit schenkt, holt zunächst aus ihnen die heiligsten Kräfte heraus: ihren Opferwillen, ihre Begeisterung. Millionen sind wie in einer Bezauberung bereit, sich nehmen, befruchten, ja vergewaltigen zu lassen, und je mehr ein solcher Verkünder und Versprecher von ihnen fordert, desto mehr sind sie ihm verfallen. Was gestern noch ihre höchste Lust, ihre Freiheit gewesen, das werfen sie ihm zuliebe willig weg, um sich nur noch widerstandsloser führen zu lassen, und das alte taciteische „ruere in servitium“ (in Knechtschaft stürzen) erfüllt sich aber und abermals, dass in einem feurigen Rausch der Solidarität die Völker sich freiwillig in Knechtschaft stürzen und die Geißel noch rühmen, mit dem man sie schlägt.“

Stefan Zweig hatte in seinem Calvin-Bild 1935 natürlich Hitler und die Nazis vor Augen. Der französische Historiker Bernard Cottret (Biografie 1998) sieht ihn weit positiver. Aber das ist dichterische Freiheit, die offenkundig noch heute uns etwas zu sagen hat.

Für mich bewirkte dieser „Roman“ vor allem auch die Entdeckung des Humanisten Sebastian Castellio, dessen Werke noch immer nicht alle auf deutsch erschienen sind. Ich kann mich nicht erinnern, dass auch nur der Name jemals in meinen kirchengeschichtlichen Studien gefallen ist. Es wäre eine Aufgabe des gegenwärtigen „Reformationsjubiläum“ einmal die vergessenen Reformatoren zu rehabilitieren.

Stefan Zweig schließt sein Werk, das er auf Empfehlung des Genfer reformierten Pfarrers Jean Schorer geschrieben hat,  leicht optimistisch, indem er die Zeitläufte mit dem Wechsel von Ebbe und Flut vergleicht:  „Wie nach jeder Flut müssen die Wasser sich verlaufen; alle Despotien veralten oder erkalten in kürzester Frist, alle Ideologien und ihre zeitlichen Siege enden mit ihrer Zeit: nur die Idee der geistigen Freiheit, Idee aller Ideen und darum keiner erliegend, hat ewige Wiederkehr, weil ewig wie der Geist. … Mit jedem neuen Menschen wird ein neues Gewissen geboren und immer wird eines sich besinnen seiner geistigen Pflicht, den alten Kampf aufzunehmen um die unveräußerlichen Rechte der Menschheit und der Menschlichkeit…“

Ich diskutiere übrigens gern in solchen nichtkirchlichen Kreisen. Die Fragen und Beiträge sind offener und schärfer als ein Pfarrer es in seinem kirchlichen Milieu gewohnt ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s