Nach der USA-Wahl

„Muss ein Theologe die US-Wahl kommentieren?“ Nein! „Darf er das?“ Ja! Ich bin wie viele Kommentatoren kein USA-Experte, aber auf einigen Reisen habe ich immerhin bemerkt, dass zwischen New York und Los Angeles Menschen leben, die sich von den Bewohnern dieser Metropolen sehr unterscheiden. Deswegen war die Wahl Trumps für mich keine Überraschung. (Zumal man ja das verfälschende Wahlsystem aus der Postkutschenzeit kennt.) Wochenlang habe ich mich über die journalistischen „Zeiträuber“ geärgert, die uns mit Spekulationen statt Fakten zuschütten. Auch jetzt können sie nicht abwarten, obwohl sie die künftige Politik natürlich nicht kennen.

Da lobe ich mir Tuvia Tenenboms „Großreportage“ über das selbsternannte „Land der Freien und die Heimat der Tapferen“. (Allein unter Amerikanern, Eine Entdeckungsreise. Suhrkamp Verlag Berlin 2016)

Schon seine Bücher über Israel und Deutschland sind bissig, witzig, aber oft entlarvend. Das Lachen bleibt einem öfter im Halse stecken.

Der Verlag wirbt: „Seit über drei Jahrzehnten lebt Tuvia Tenenbom in New York. Als er sich 2015 erstmals auf eine Reise quer durch die USA begab, ahnte er nicht, was ihn erwarten würde: »Ich hätte nie gedacht, dass die Vereinigten Staaten so völlig anders sind, als ich immer angenommen hatte. Erst jetzt entdecke ich so nach und nach das wahre Amerika, Stück für Stück, Mensch für Mensch, Staat für Staat.«
Tenenbom reiste von Florida bis nach Alaska, von Alabama bis nach Hawaii, vom Deep South und Bible Belt bis an die Großen Seen und die Westküste, sprach mit Politikern und Predigern, mit Evangelikalen, Mormonen und Quäkern, mit Rednecks und Waffennarren, Kriminellen und Gefängnisinsassen, mit Indianern und Countrymusikern, Antisemiten und Zionisten, mit Obdachlosen und Superreichen und vielen, vielen mehr.
Die USA rühmen sich, »das Land der Freien und die Heimat der Tapferen« zu sein. Das wahre Amerika jedoch, so Tenenboms bestürzende Erkenntnis, ist weder frei noch tapfer, sondern ängstlich darauf bedacht, alle Freiheiten einzuschränken. Es ist in sich zutiefst gespalten, rassistisch und hasserfüllt. »Kann sich die Menschheit auf die USA verlassen? Ich würde es nicht tun.”

 Ein Beispiel: „Sind Sie eine stolze Amerikanerin?, frage ich Pam, während ich an ihrem amerikanischen Kaffee nippe. „Sehr stolz! Für den Labor Day (Tag der Arbeit) hatten wir ein paar verwundete Kämpfer eingeladen. Manche ohne Beine. Sie wissen schon, dieses ferne faulige Land.“ Irak? „Afrika, Afghanistan und all das; wissen Sie. Und sie kamen hier runter, und mein Mann nahm’se mit auf Sumpfboot-Touren. Sie waren einfach – Und bevor sie wieder abreisten, gaben sie meinem Mann ein Purple Heart (Verwundetenabzeichen). Jawoll! Ich meine, es, es war, es war traurig, aber ich war so glücklich, dass ich diese Leute kennengelernt habe.“ Was haben die Ihnen über Afghanistan erzählt? „Sie haben uns alles Mögliche erzählt.“ Was? „Oh! Er wurde verwundet, ihm hat’s ein Bein weggeblasen, er aber war so besorgt um sein’ Freund, den er bluten sah, dass er zu ihm hingekrochen is’, einfach versuchte, sein Leben zu retten, ich meine, sie erzählten uns –“ Hat er Ihnen erklärt, warum Amerika in Afghanistan kämpft? „Nein.“ Wissen Sie, warum Amerika in Afghanistan kämpft? „Nein. Weil es sieht aus, als bringt’s nix. Sie kämpfen einfach un’ kämpfen un’ kämpfen immer weiter.“ Hat er Ihnen erzählt, was los ist in Afghanistan, weshalb Amerika nach Afghanistan gegangen ist? „Es gibt gewisse Dinge, über die sie sprechen wollen, und es gibt Dinge, über die sie nicht sprechen wollen.“ Sie haben Ihnen mit keinem Wort gesagt, warum? „Nein.“ Wissen Sie, warum? „Nein. Ich hab keine Ahnung nich’, warum’se kämpfen.“ Aber Sie verteidigen sie? „Ich verteidige meine Truppen. Ja klar.“ Haben Sie für Obama gestimmt? „Nein, un’ ich stimm’ nicht für Obama.“ Sind Sie republikanisch? „Ich bin demokratisch. Aber ich mag ihn nicht.“ Warum nicht? „Weil ich ihn verachte.“ Mögen Sie keine Schwarzen? „Oh, ich hab nichts gegen Schwarze. Überhaupt nicht.“ Pams Freundinnen trinken Kaffee und erklären mir, warum Amerika in den Krieg gegen den Irak gezogen ist. Der Grund? Die Iraker kamen ins Land und jagten die Twin Towers in New York in die Luft. Ich sage ihnen, dass das nicht Iraker, sondern Saudis waren, aber sie verstehen nicht, wieso es darauf ankommt. Saudis, Iraker. Was macht das schon für einen Unterschied? Alles dieselbe Mischpoke. Die eine der Damen hat 15 bis 20 Schießeisen bei sich zuhause, die andere 30. Warum auch nicht? Wenn man sich mehr als eine Waffe leisten kann, warum nicht 30? Was ich hier sehe, ist kein allzu vertrauter Anblick: Amerikaner, die gesellig miteinander sind. Soweit ich es mitbekommen habe, ist dies eher selten der Fall. Schwarze und Hispanics pflegen einen geselligeren Umgang miteinander, selbst in den Schwarzenvierteln zwischen zwei Schießereien, die Weißen aber sind normalerweise mit sich selbst beschäftigt, freunden sich mit ihren Fernsehern an und pflegen Umgang mit ihren Autos. Es tut gut, diese Ausnahme zu erleben.“

Tenenbom tritt auf ziemlich viele Hühneraugen, auch auf meine. Aber dank seiner Sprachbegabung „kitzelt“ er oft Aussagen heraus, die die Leute eigentlich verschweigen möchten. Entlarvend sind da besonders seine Begegnungen mit Kirchenvertretern. Zum Fremdschämen!

Gefährlich wäre die Lektüre, wenn sie nun unsererseits antiamerikanische Vorurteile bestätigt. Das ist nicht seine Absicht. Ich habe jedenfalls mehr gelernt über diesen Kontinent mit seinen Widersprüchen als in den vielen aktuellen Kommentaren, die jetzt zu hören und zu lesen sind.

 

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