Nachfolge

Voller Saal, viele Fragen. Ich halte einen Vortrag zum Thema Christliche Friedensarbeit in kriegerischen Zeiten. Eine Besinnung auf Dietrich Bonhoeffers Ethik.

Ich versuche aus den vielfältigen Schriften Bonhoeffers aus den verschiedenen Phasen seines Lebens  drei Abschnitte herauszugreifen und gegenwärtige Konsequenzen zu formulieren.

  1. Bonhoeffer kommt aus einer staatskirchlichen Zeit. Die Kirche findet in der Weimarer Republik kein positives Verhältnis zur Demokratie. In der Nazi-Zeit möchte eine Mehrheit die Volkskirche bewahren, manche sogar in eine deutsche Nationalkirche verwandeln (Deutsche Christen). Im Kirchenkampf denkt Bonhoeffer an eine Kirche, die sich von dieser Tradition löst. (Vikarsausbildung als Modell einer neuen Kirche, Pfarrer mit einem säkularen Beruf. ) Seine Gedanken beziehen sich zunächst auf die evangelische Kirche, die katholische ist weniger im Blick. Eine evangelisch-katholische Zusammenarbeit Zusammenarbeit gibt es kaum. Sein Versuch scheitert, die Bekennende Kirche zu einer nazi-und staatskritischen Kraft zu formen.

 

Heute bekennt sich die evangelische Kirche zur Demokratie in einem säkularen Staat. Sie ist unabhängig, aber das Verhältnis könnte man als kritische Partnerschaft bezeichnen. Die Entkirchlichung allerdings geht weiter. Mit sinkenden Mitgliederzahlen verliert die Kirche gesellschaftlich  an Bedeutung. Politische Initiativen werden nur akzeptiert, wenn sie rational kommuniziert werden und dem Gemeinwohl dienen.Die evangelisch-katholische Ökumene gelingt und wird vor allem durch die Migration mit anderen Konfessionen erweitert. Unklar ist noch die Rolle des Islam, der sich zunehmend in verschiedenen Verbänden organisiert. Oft ist die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Träger lokaler Friedensarbeit. Allerdings ist das Verhältnis der Konfessionen europaweit noch sehr konfliktträchtiug. Zusätzlich muss die Zusammenarbeit mit friedenswilligen Muslimen ausgebaut werden.

 

  1. Bonhoeffer entdeckt 1930 in seinen Amerika-Aufenthalt vor allem durch seinen französischen Freund Jean Lassere den Pazifismus, der in Deutschland mehrheitlich verpönt war. Ein weiterer „Augenöffner“, was Krieg eigentlich ist, war der Film „Im Westen nichts Neues“, der in Deutschland verboten wurde. Pazifistische Gedanken nimmt er 1934 vor allem in der berühmten Friedensrede von Fanö auf. Der „Gott der Bergpredigt“ habe schon immer die Übertretung des Gebotes „Du sollst nicht töten“ gerichtet. Er zitiert im Blick auf die   Rüstungsanstrengungen der Nationalsozialisten und Abrüstungsappelle des Völkerbundes Mahatma Gandhi: „Es gibt keinen Weg zum Frieden – Frieden ist der Weg.“ Bonhoeffer plädiert für „Frieden statt Sicherheit“ und glaubt an die Wirkung gewaltfreien Widerstands: „Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffen den Angreifer empfinge?“ Er sieht die Änderung politischer Zustände nicht mehr als Sache der Welt an, sieht kaum Chancen für politische Vernunft. Über die Verkündigung des Friedensgebots hinaus sollten die Kirchen daher sofort mit der Realisierung der Friedensethik beginnen. Er hofft auf ein Konzil der weltweiten Christenheit. Nur in dieser Ökumene sieht er die Kraft, einen drohenden Krieg zu verhindern. Theologisch reflektiert er später diese Position in der „Nachfolge“, ein Leben mit der Bergpredigt. Diese Ansprache ist umstritten, wenige stimmen ihm zu. Selbst seine (illegalen) Vikare ziehen 1939 in den Krieg.

Nach dem Krieg ist Pazifismus in Deutschland nur für wenige eine Option. Immerhin setzt sich die Kirche für ein Recht der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen ein. (Beratung, Beisitzer). Aus dieser Tätigkeit wächst eine gewisse Friedensarbeit und die Formel „Friedensdienst mit und ohne Waffen“. Man nimmt Abschied von der Doktrin des “gerechten Krieges“ und entwickelt die Leitidee vom „gerechten Frieden“. In der Zeit des Kalten Krieges bemüht sich die Kirche um Entspannung (Ostdenkschrift) und viele Mitglieder beteiligen sich an der erstarkenden Friedensbewegung ( Nachrüstungsdebatte). Die Idee eines „Konzils“ wird auf drei europäischen ökumenischen Versammlungen umgesetzt, führt aber nicht zu neuen Verbindlichkeiten.

3. Bonhoeffer entscheidet sich nach Kriegsbeginn nicht für Verweigerung, sondern für Widerstand. (Anders der Leiter des Versöhnungsbundes Hermann Stöhr, der hingerichtet wird.) Was ist christlich geboten in einem Unrechtsstaat? wird zur Leitfrage für die (unvollendete) „Ethik“. Für diese Antikriegsarbeit im Widerstand – er ist freigestellt für die „Abwehr“ der Wehrmacht, Amt Canaris – ist Bonhoeffer zum Tyrannenmord bereit. Für die mögliche Nachkriegsordnung bemüht er seine ökumenischen Verbindungen und freundschaftlichen Kontakte. In der Haft entwickelt er Gedanken für eine künftige Kirche, die nach dem Krieg unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ publiziert werden und eine starke Wirkung entfalten..

Die nicht-römischen Kirchen gründen aus den Vorläufern 1948 den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Er koordiniert auf verschiedenen Wegen die internationale Friedensarbeit der Kirchen. 1975 wird der Satz einer Weltkonferenz in Nairobi „Die Kirche sollte ihre Bereitschaft erklären, ohne den Schutz von Waffen zu leben“ in Württemberg aufgenommen von der Initiative „Ohne Rüstung leben“, die bis heute Pazifismus propagiert und sich auf Bonhoeffer (von Fanö) beruft. Sie versteht sich als christlich, ökumenisch, arbeitet im Raum der Kirchen, ist aber nicht offiziell Teil einer Landeskirche.

Meine Folgerungen:

  1. Bonhoeffer entdeckte den Wert des Gebets und der Meditation. Friedensarbeit beginnt also bei einem selbst. Es geht nicht nur um Ermutigung, sondern auch um Vergewisserung in einer Zeit der politischen und kulturellen Unübersichtlichkeit. Das Gebet darf aber nicht Ersatz für Aktivitäten sein. („Billige Gnade“)
  2. Bonhoeffer entdeckte den Wert der Gemeinde. Das kann die ganz normale Kirchengemeinde sein, um die er sich immer bemüht hat. Wo sie ihre Aufgaben erfüllt, ist Friedensarbeit vor Ort (Hilfe für Migranten z.B.). Daneben ist ihm die „Bruderschaft“ mit immer neuen Versuchen eines „gemeinsamen Lebens“ wichtig. Viele Christen engagieren sich neben ihrer Kirchengemeinde in diversen freien Gruppen. So wurde es z.B. in Taizé  mit dem“Konzil der Jugend“ propagiert. Heute bieten sich dafür unzählige Gruppen und Vereinigungen an. Ich nenne nur die kirchennahe „Arbeitsgemeinschaft Dienste für den Frieden“ AGDF, „Ohne Rüstung leben“, „Kairos Europa“, „Versöhnungsbund“, aber auch nichtkirchliche wie „Deutsche Friedensgesellschaft“, IMI etc. Um der Zersplitterung zu entgehen, sollten sie sich immer wieder vernetzen und z.B. Kirchentage und dergleichen für öffentliche Darstellung nutzen. Falsches Harmoniebedürfnis sollte durch politische Klarheit überwunden werden. Viele Predigten bleiben leider unkonkret und allgemein.
  3. Bonhoeffer entdeckte den Wert der weltweiten Ökumene. Der ÖRK ist aus verschiedenen Gründen geschwächt. Seine weltweite Friedensarbeit sollte gleichwohl unterstützt werden. Seit der Weltversammlung von Busan propagiert er einen „Pilgerweg des Friedens“, an dem man sich je nach Kräften und Möglichkeit beteiligen kann. Warum wird nicht hin und wieder eine Information des ÖRK in den „Abkündigungen“ eingebracht? Warum kann nicht ein Kirchengemeinderat ÖRK-Beauftragter“ werden?

Hauptaufgabe wird die Aufgabe ener „Entfeindung“ innergesellschaftlich und international sein. Da ist Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ bleibend aktuell: „Feindesliebe ist nicht nur dem natürlichen Menschen ein unerträglicher Anstoß. Sie geht ihm über die Kraft und sie verstößt gegen seinen Begriff von Gut und Böse…Dem Feind aber soll zukommen, was dem Bruder zukommt, die Liebe des Nachfolgers Jesu…Wie wird die Liebe unüberwindlich? Darin, dass sie niemals danach fragt, was der Feind ihr antut, sondern allein danach, was Jesus getan hat.“

 

 

 

 

 

 

 

 

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