Auf der Donau (3): Budapest

Uner Schiff legt direkt in der Innenstadt an. Das ist sehr komfortabel, zumal Bus und Straßenbahn für Senioren nichts kosten. Nur das Wetter spielt nicht mit. Hätte ich doch eine Badehose eingepackt, dann könnte ich mich in den wunderbaren Thermalbädern tummeln. Aus unserer Kajüte blicke ich direkt auf das imponierende Parlamentsgebäude, das aber politisch ziemlich bedeutungslos geworden ist.

Vor acht Jahren nahm ich in Budapest an einer ökumenischen Konferenz teil der kirchlichen Akademien teil. Dort begegneten wir im Parlament Zoltán Balog, reformierter Pastor in einer Art Stadtakademie und gewählter Abgeordneter. Ich hatte damals einen guten Eindruck, da er sich deutlich gegen Korruption aussprach. Allerdings wollte er schon damals über Konflikte nur diplomatisch sprechen.

Seit Mai 2012 ist er unter Ministerpräsident Viktor Orban Minister für Humanressourcen mit der Zuständigkeit für die Bereiche Gesundheit, Soziales, Jugend, Bildung, Kultur und Sport. Da er in Deutschland, u.a. in Tübingen, studiert hat, beherrscht er die deutsche Sprache perfekt. Deswegen tritt er auch öfter im deutschen Fernsehen auf, wenn es um ungarische Politik geht. Vor drei Jahren erhielt er das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband, einen der höchsten deutschen Verdienstorden. Damit wurden nicht nur seine Verdienste um deutsch-ungarische Beziehungen geehrt, sondern auch sein Einsatz für Minderheiten, speziell für die Roma. Genau das ist aber sehr umstritten. Bürgerrechtler und Roma-Aktivisten werfen ihm vor, er wolle die Segregation von Roma-Kindern im Bildungswesen, die seit 2003 in Ungarn gesetzlich verboten ist, wieder legalisieren.

Eigentlich gilt der Chef des „Ministeriums für menschliche Kraftquellen“, wie die sperrige Originalbezeichnung lautet, als liberales Aushängeschild in Orbáns Regierung. Balog engagiert sich im jüdisch-christlichen Dialog und ist einer der wenigen, der immer wieder deutliche Worte gegen Rechtsextremismus findet. Anderseits verantwortet sein Superministerium beispielsweise den Nationalen Grundlehrplan, in dem antisemitische Schriftsteller der Zwischenkriegszeit Schülern kritiklos zur Lektüre empfohlen werden. In Deutschland wir besonders kritisiert, dass er die Abschottungspolitik der Regierung gegen Migranten verteidigt.

Die Empörung über die Schliessung der Zeitung «Nepszabadsag» treibt die Ungarn auf die Strasse. Mehrere tausend Menschen haben im Zentrum von Budapest für Pressefreiheit und gegen Korruption demonstriert. Die Organisatoren sprachen gar von mindestens 10000 Teilnehmern. Es scheint, dass der Widerstand gegen die Regiertung zunimmt. Es hätte mich interessiert, was Pastor  Balog dazu sagt. Aber leider bekomme ich keinen Termin. Ich fürchte, da ist wieder ein engagierter Christ durch die Politik verdorben worden.

Die 39 Mitglieder unserer Schiffsbesatzung stammen aus aller Welt. Der Kapitän ist Niederländer, ein Steward kommt aus Bali, das „Zimmermädchen“ stammt aus Polen, der Maschinist aus Serbien. Andere sind aus der Ukaine, Tunesien oder Rumänien. Ungarn sind auch darunter. Man muss sich auf englisch mit ihnen unterhalten. Nur der „Hotelchef“ ist Deutscher. Das ist genau das neue Europa, das die ungarische Regierung fernhalten will. Mich hätten ihre Arbeitsbedingungen interessiert. Leider gibt es nur wenige substantielle Gespräche mit ihnen. Stattdessen dürfen sie uns mit einer ziemlich schwachsinnigen „Crew-Show“ unterhalten.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s