Arabisches Filmfestival

Über 80 Filme waren im Arabischen Filmfestival in Tübingen zu sehen. Man kann sich damit fast eine Reise in den Orient sparen, aber wer soll das alles sehen? Wäre es nicht besser, diese Filme über das Jahr zu verteilen und in den Kinos zu zeigen? In einem Hörsaal kommt nun einmal keine Festivalstimmung auf. Vielleicht könnte man dann auch mehr Diskussionsgruppen anbieten.Siehe http://www.arabisches-filmfestival.de.

Mit Recht jubelt die Lokalzeitung: „Es ist bereits die zwölfte Ausgabe, und wieder bringt es Filme in die komödienverliebte Unistadt, die es sonst kaum noch in die hiesigen Kinos schaffen würden….“ Da gibt es beispielsweise die herausragende Doku „Life on the Border“, für die acht Kinder aus dem Grenzgebiet zwischen dem Irak und Syrien ihren Alltag im Flüchtlingslager mit der Kamera aufgezeichnet haben. Eines von ihnen ist der 13-Jährige, der als letzter in seiner Familie nach außen hin funktioniert. Er organisiert Essen, kocht und wäscht für seine in Trauer gefangene Großmutter und die kleine Schwester, die nicht mehr spricht, seit die Terrormiliz IS sie eine Woche „hatte“, wie es im Film heißt. Diese Kinder waren so eindrucksvoll (und dabei völlig frei von Selbstmitleid), dass einige Zuschauer die Tränen nicht zurückhalten konnten…“

Ein einziger Film lenkte die Aufmerksamkeit auf die christliche Minderheit im Islam: „Abna Yaso | Die Kinder JesuEr zeigt die Realität und Geschichte koptischer Christen im Sudan und ihr Zusammenleben mit der muslimischen Mehrheit. Vier Menschen unterschiedlicher sozialer und beruflicher Herkunft geben einen Einblick in das Leben der christlichen Minderheit im Lande. In aktuellen TV-Berichten allerdings wird weit kritischer über die Menschenrechtslage in Sudan berichtet. Die Stärke dieser Filme ist, dass sie einmal nicht aus europäischer Perspektive schauen. Die Schwäche, dass sie oft nicht frei berichten dürfen ohne sich und andere zu schädigen.

Beim  Filmfestival erfährt man, dass es in Saudi-Arabien, das gerade mit einem verheerenden Kriegsverbrechen in Jemen auffiel, doch auch Leute gibt wie den Regisseur Mahmoud Sabbagh, Pionier des unabhängigen Kinos in seinem Land, dessen schräge Komödie „Barakah meets Barakah“ wegen großen Zuspruchs wiederholt wurde. Er (Barakah) ist Ordnungsbeamter in Dschidda, Laiendarsteller in einer Theatergruppe, die „Hamlet“ aufführen will, und nicht wirklich aus bester Familie. Sie (auch: Barakah) ist die Adoptivtochter eines reichen Paares mit Eheproblemen. Sie schaffen es, mit begnadeter Raffinesse das System von Tradition, Anstand und Religionspolizei zu umgehen. Eine amüsante Geschichte ohne Realitätsgehalt. Der Film wurde kürzlich von Saudi Arabien für den Oscar-Wettbewerb  in die USA geschickt.

Doch gerade das wirft Fragen auf: Warum kann er im Land selbst nicht gezeigt werden? Sind nicht dort alle Kinos längst geschlossen und das in den achtziger Jahren erbaute Opernhaus niemals eröffnet? Lenkt diese harmlose Komödie nicht ab von den Verbrechen, die Tag für Tag in Saudi-Arabien vom Staat begangen werden?

In dem neuesten Heft „ANKLAGEN“ der Tübinger  Amnesty International Gruppe steht, wie in Saudi-Arabien selbst Minderjährige in Gefängnissen Opfer von Folter und Misshandlung werden.  http://www.ai-tuebingen.de/Anklagen/Homepage.

Altmodisch wie ich bin, denke ich, dass Lesen doch mehr bildet als Schauen.

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