Totale Überwachung

1968 war eine meiner ersten Demonstrationen die gegen die Notstandsgesetze unter Kanzler Kiesinger. Überwachungsrechte der Besatzungsmächte sollten auf die souveräne BRD übertragen werden. Tausende gingen damals in ganz Westdeutschland auf die Straße. Wir fanden, dass eine STASI reicht. Doch ganz souverän wurde Deutschland nicht. Wesentliche Rechte blieben bestehen. Auf dieser Basis können die USA heute Kommunikation in Deutschland ausspähen und auswerten. Nach dem 11. September hat Kanzler Schröder den USA noch weiterreichende Möglichkeiten zur Zusammenarbeit der Geheimdienste auf deutschem Boden eingeräumt. Da hat niemand mehr demonstriert.

Wahrscheinlich denken die meisten wie ich früher „Ich habe nichts zu verbergen. Sollen sie doch meine eMails lesen..“ Dieses Vorurteil habe ich gründlich abgebaut seit ich den Film „Snowden“ gesehen und einige Bücher darüber gelesen habe. Zufällig liefen in dieser Woche bei „3sat“ (natürlich zu nachtschlafender Zeit) die Dokumentarfilme “Citizenfour“ und „We Steal Secrets“ über die Wikileaks-Geschichte.

Erzählt wird in dem Spielfilm von Oliver Stone die wahre Geschichte des CIA- und NSA-Mitarbeiters und Whistleblowers Edward Snowden, der im Jahr 2013 von Hawaii nach Hongkong fliegt, um dort tausende geheime Dokumente an die Presse weiterzugeben, welche die Existenz von Programmen amerikanischer und britischer Geheimdienste öffentlich machen, die der Totalüberwachung des weltweiten Internetverkehrs dienen.

„Wir treffen uns im Flur vor dem Restaurant im Mira Hotel“, hat Snowden sie instruiert. „Ich werde mit einem Zauberwürfel spielen, damit ihr mich identifizieren könnt.“ Vorgaben wie aus einem zweitklassigen Spionagethriller.

Acht Tage lang verschanzen sie sich auf dem Zimmer, um die irrste Story ihrer Generation zu inszenieren: Snowden, Poitras, Greenwald und später auch Ewen MacAskill, der Geheimdienstreporter des „Guardian“. Lange Momente des Schweigens ersticken ihre aufgeregten Gespräche – und untermalen ihre Einsamkeit. Einmal steht Snowden am Fenster und blickt durch die Gardine auf den Kowloon Park, zehn Stockwerke tiefer, unendlich fern. Seine Deklamationen klingen heroisch. „Ich sah, wie die Versprechen der Regierung Obama verraten wurden“, sagt er. „Ich bin mehr bereit, Einkerkerung zu riskieren oder andere persönlich negative Folgen, als ich bereit bin, die Beschneidung meiner intellektuellen Freiheit und der Freiheit derer um mich herum zu riskieren.“ Und an den Staat: „Ich fürchte mich nicht vor euch. Ihr werdet mich nicht zum Schweigen zwingen.“

Dieser Vorgang erschüttert nicht nur die Weltgemeinschaft, sondern auch die internationale Politik, was ihn zu einem der derzeit meistgesuchten Männer der Welt macht. Er lebt seitdem in Moskau. Am Ende des Films kommt Snowden selbst zu Wort.

Ex-CIA-Direktor James Woolsey macht Snowden sogar für die Paris-Attentate verantwortlich und wünscht, dass er „am Hals aufgeknüpft wird, bis er tot ist.“

Es gibt Themen, für die kann einen das Kino besser sensibilisieren als Nachrichtenmedien: Viele Menschen haben zum Beispiel erst begriffen, wie schlimm Aids ist, nachdem sie «Philadelphia» (1993) gesehen hatten. Eine ähnliche aufklärerische Wucht hat nun «Snowden». Natürlich weiss man, dass die USA Milliarden von Handys, Twitter- und Facebook-Konten sowie den globalen E-Mail-Verkehr überwachen. Doch was für weitreichende Folgen das haben kann, begreift man erst im Kino.

Obwohl der Film faktenreich ist, wirkt er nicht überladen. Der Film ist spannend, ein brisanter Thiller, der Obama als Lügner und Hillary Clinton als ­Opportunistin entlarvt. Stone verneigt sich dafür vor den investigativen Journalisten. Die setzen teilweise ihr Leben, zumindest ihre Profession auf’s Spiel. Übrigens nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien. Im Zeialter der „Terrorgefahr“ ist jeglicher Kumpanei Tür und Tor geöffnet.

Der Film hat mich neugierig gemacht, was einer der Protagonisten selber schreibt. Glenn Greenwald hat sein Buch „No Place to Hide“ (deutsch: Die globale Überwachung“) 2014 geschrieben. Er bestätigt, wie nah der Film an den tatsächlichen Vorgängen bleibt. Schlimm genug! Aber noch schlimmer finde ich, wie unkritisch bis opportunistisch selbst liberale Journalisten in den USA mit dem Fall umgehen. Wie in der Antike ist der Bote der schlechten Nachricht der Böse und muss am besten beseitigt werden, zumindest persönlich diffamiert. Politiker aller Richtungen, die die Geheimdienste kontrollieren sollen, decken üble Machenschaften. Vom Ausmaß der Lügereien macht man sich als Laie keinen Begriff.

Greenwald schreibt über Snowden:„Er hat, schlicht und einfach, jeden Einzelnen an die besondere Fähigkeit des Menschen erinnert, die Welt zu verändern. Nach äußerlichen Kriterien ist er ein ganz gewöhnlicher Mensch – seine Eltern sind weder besonders wohlhabend noch einflussreich, er besitzt nicht einmal einen Highschool-Abschluss und hatte eine unbedeutende Stellung in einem riesigen Unternehmen. Mit einer einzigen Tat hat er jedoch, seinem Gewissen folgend, im wahrsten Sinn des Wortes den Lauf der Geschichte verändert… Die Fähigkeit des Menschen zu fördern, selbst nachzudenken und Entscheidungen zu treffen – das ist der Sinn von Whistleblowing, von Protest, von politischem Journalismus. Und genau das geschieht gerade, dank der Enthüllungen, die wir Edward Snowden zu verdanken haben.“ S.361

Noch scheint es ihm im Exil gutzugehen. Doch wie lange noch? Es ist eine Schande, dass Deutschland ihm kein Asyl angeboten hat. Offensichtlich ist unser Land noch nicht wirklich souverän.

 

 

 

 

 

 

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