Stammes – oder Weltreligion

Seit Wochen beschäftige ich mich mit “Xenologie”, der Wissenschaft vom Fremden. Denn der „Bund der Köngener“ (Vorstandssprecher war bis zu seinem Tod Jörg Zink) hat mich zu einem Vortrag in das „Stift Urach“ eingeladen. Ein früherer Kollege meinte, aufgrund meiner Auslandserfahrungen könne ich doch etwas zu dem Thema sagen.

Ich denke, dass die biblischen Perspektiven zum Thema „Fremde“ bekannt sind. Erinnert sei  nur an den Schutz, den schon im Alten Testament die Fremden erhalten sollen. Im Neuen Testament würde ich die christlichen Gemeinden als multikulturelle bezeichnen. Beide Wurzeln sind für heutige kirchliche Stellungnahmen maßgebend.

Dennoch sind immer Erbstücke des Stammesdenkens erkennbar. „Die Stammesreligionen bilden einen geschlossenen gesellschaftlichen Kreis. Innerhalb des Stammes haben sie Gültigkeit, nicht außerhalb. Hier leben die wahren Menschen, die die Ordnungen und Gesetze kennen, die den Fluss des Lebens garantieren und regulieren…Außerhalb der Grenzen des Stammes ist Wüste, Urwald. Dort herrscht die Unordnung, droht die Gefahr. Den dort lebenden Menschen wird oft nicht einmal das Menschseins zuerkannt, oder nur in abgeschatteter Weise. Der ferne Fremde ist der Feind. Ihn tötet man oder nimmt ihn gefangen, um ihn zu versklaven (oder zu opfern). Theo Sundermeier, Den Fremden wahrnehmen, Bausteine für eine Xenologie, 1992, S.189f.

Das biblische Judentum der Israeliten im Alten Testament kann man als Stammesreligion ansehen. Der Fremde ist zunächst der Feind. Doch die jüdischen Stämme  kamen selber als Fremdlinge in das Land. Fremde wie die Kanaanäer lebten immer mit ihnen. Eine  gewisse Vermischung der religiösen Vorstellungen war unvermeidbar, obwohl Synkretismus immer bekämpft wurde. Das biblische Israel ist intolerant, wo es um das Zentrum seines Glaubens geht. Bei Propheten und im Zuge der deuteronomistischen Reformen setzt sich Endogamie (Heirat nur unter den eigenen Leuten) mehr und mehr durch. Verträge dürfen nicht mit Fremden abgeschlossen werden. Für sie gelten andere Gesetze, aber sie sind nicht rechtlos.

Das besondere des biblischen Israel ist nun, dass es den Fremden, der in seiner Mitte wohnt, so ins Zentrum seiner Religion hineinnimmt, dass er zu seiner Identität dazugehört. Die Präsenz des Fremden erinnert Israel an seine Geschichte: „Ihr ward Fremdlinge in Ägypten!“ Diese Geschichte konstituiert Israels Identität und sein Gottesverhältnis. Am Kultus dürfen die Fremden nicht teilnehmen. Ihre fremdreligiöse Identität wird nicht angetastet, ihre Götter werden ihnen nicht genommen. Aber in die Sabbatruhe werden sie hineingenommen. Israel hat im Laufe seiner Geschichte, die durch Bedrohung, Vernichtung des Staatswesens und Deportation gezeichnet ist, gelernt, sein Verhältnis zu den Fremden immer mehr zu präzisieren und zu verschärfen.“Gott liebt den Fremden“(Dtn.10,18), diesen Satz konnte Israel in der babylonischen Gefangenschaft auf sich selbst anwenden.

Jesus im Neuen Testament bestätigt zunächst die vorgegebene Ausgangslage. Doch innerhalb dieser Grenzen gilt seine Aufmerksamkeit dem Fremden. Nicht nur der nahe Nachbar, sondern auch der ferne Feind wird durch die Liebe zum nahen Mitmenschen. Ein weiterer Grund findet sich im Gedanken des Gerichts über alle Menschen. Der ewige Richter identifiziert sich mit dem Fremden. Mt. 25, 38,43:  „Was ihr den Fremden getan habt, das habt ihr mir getan!“

Die Urkirche hat diesen Gedanken in der praktizierten Gastfreundschaft umgesetzt. Radikaler ist der Apostel Paulus, der das Stammesdenken, aber auch soziale und nationale  Schranken in seiner Verkündigung und Gemeindepraxis überwindet. Durch ihn wird das Christentum zur Weltreligion.

„Es bedeutet eine tiefe Fehlentwicklung der christlichen Religion, dass die spätere Staatskirche als Institution sehr bald die Grenze zwischen Glauben und Unglauben meinte bestimmen zu können und durch Taufe und Kirchenmitgliedschaft festlegte. Jetzt gab es wieder eine fest fixierte Grenze, die (angeblich) zwischen Rettung und Verdammnis, zwischen Bürgerrecht nicht nur im Reich Gottes, sondern bald auch im christlichen Staatswesen und dem Ausschluss von beiden schied. Damit wurde die christliche Religion zur ekklesiogenen Stammesreligion. Die Feindesliebe wurde bald auf die Bruderliebe, die eine reine Clanliebe ist, beschränkt. Die für die Stammesreligionen grundlegende Trennung von Innen und Außen, von Feind und Nächstem, die Jesus überwunden hatte, ist erneut aufgerichtet. Das schuf zwar in der Kirche ein Gefühl von Zugehörigkeit, Heimat und Sicherheit, bot aber auch in späterer Zeit die Rechtfertigung dafür, hart gegen diejenigen vorzugehen, die außen wohnten und sich weigerten hereinzukommen und das Bürgerrecht nicht annehmen wollten, die Heiden draußen, die Juden drinnen.“ Sundermeier, a.a.O. S.198f.

Wer heute unsere evangelische Landeskirche Württemberg von außen kommend kennenlernt, wird sie vermutlich als „schwäbische Stammesreligion“ verstehen. Wo man vor allem traditionsgebunden denkt, ist man damit zufrieden. Diejenigen, die dazugehören, finden das normal. Wer aber sich wieder an den Ursprüngen (Jesus und Paulus) orientiert, wie es ja reformatorisch sein sollte, wird leicht zum Fremden in seiner eigenen Kirche. Und doch geht es gerade darum: Die Grenze zwischen „drinnen“ und „draußen“ muss durchlässig werden.

In der Diskussion legten einige Wert darauf, dass sie sich in einer überschaubaren Gemeinschaft der Gleichgesinnten wohlfühlen können. Angesichts der ständigen Innovationen und Veränderungen braucht es auch die Sicherheit des Vertrauten. Ich denke, das ist eine gute Voraussetzung, um auch Fremden unter uns solche eigenen Gemeinschaften  zuzugestehen.

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