Erntedankfest

Das Erntedankfest der Kirche hat es schwer. Bauern sind rar geworden in den Gemeinden. Wer erntet denn noch? Ich erinnere mich, wie mühsam es schon vor Jahren war, Obst und Gemüse zu erbetteln, damit man den Altar ein wenig schmücken kann. Wozu danken, wenn Lebensmittel aus aller Welt in den Supermärkten billig zu haben sind? Städte kreieren nzwischen allerlei Ersatzfeste, bei uns einen Goldenen Oktober, d.h. verkaufsoffener Sonntag. Die Geschäfte sind voll. Dank? Nachdenken? Fehlanzeige!

In den Gottesdiensten sind die Kindergärten dran. Fast überall. Es macht es sich gut, wenn Kinder etwas aufsagen oder singen und ihre Körble zum Altar bringen.Stolze Väter filmen, die Großeltern sind gerührt.

Dabei – so schreibt Clemens Dirscherl, der Beauftragte der EKD für agrarsoziale Fragen: „Landwirtschaft ist ein öffentliches Thema geworden. Man interessiert sich dafür, wie geackert wird, wie Tiere gehalten werden. Massentierhaltung, Monokulturen, Artenverlust, Vermaisung der Landschaft, Glyphosat, Gentechnik, Agrarwende – das sind die Schlagworte, welche die Kinder im Schulunterricht lernen, welche die öffentlichen Debatten prägen, welche die Repräsentanten von Tierschutz-, Umwelt-, und Verbraucherverbänden als Anklage erheben und welche – nicht zuletzt – auch Kirchenleute von der Kanzel predigen.“ Ich fühle mich ertappt. Schaue ich meine Erntedank-Predigten an, dann sind die Mahnungen nicht zu übersehen. Es sei denn, die Kindergärten haben mitgewirkt. Dann war sowieso kaum eine ernsthafte Ansprache möglich. Das wäre aber nötig. Denn – so Dirscherl:

„Nach wie vor klafft die Lücke zwischen Verbraucherwünschen an Agrarerzeugnisse und der Bereitschaft für höhere Umweltstandards und mehr Tierwohl zu bezahlen. Die Krise der Landwirtschaft zeigt sich zuallererst also finanziell. Was die Bauern für ihre Milch, Tiere, Acker- und Feldfrüchte bekommen, deckt nicht einmal mehr die Unkosten. Von nachhaltigem Betriebsgewinn kann gar keine Rede sein. Dass es in der Landwirtschaft Preiskapriolen mal nach oben, mal nach unten gibt, das ist eigentlich auch nichts Neues. Doch jetzt ist der Preisverfall extrem ausschlagend, lang anhaltend und dramatisch im Hinblick auf seine Folgen. Nicht nur die durchschnittlichen bäuerlichen Familienbetriebe geraten existentiell in seinen Sog, sondern sogar die größeren, lange als konkurrenzfähige Zukunftsbetriebe geltenden.“

Wahrscheinlich gibt es irgendwo – in der Evangelischenn Akademie? – ein paar Leute, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Doch die meisten wollen davon nichts hören. „Bauern klagen ja immer“, heißt es dann. Ich habe indessen gern am Erntedankfest die Gedanken Clemens Dirscherl aufgenommen:

„Erntedank als Dank an den Schöpfer für unsere Lebensgrundlagen. Aber auch Dank, dass Menschen als Teil der Schöpfung in, mit und manchmal auch im Ringen mit dieser Schöpfung ihre Arbeit verrichten: aus Berufung und zur eigenen Freude, zur materiellen Existenzsicherung, aber eben auch für unser aller täglich Brot – allen Preismiseren zum Trotz. Zwei Prozent unserer Gesellschaft als professionelle Schöpfungsbebauer und Schöpfungsbewahrer suchen nach Dankesworten zum Ende der Ernte in schwierigen Zeiten. Wir anderen 98% könnten ihnen dabei helfen.“

Um Wertschätzung geht es also. Ich freue mich, wenn sie wenigstens in der Kirche zum Ausdruck kommt.

 

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