Von Afrikanern lernen

Als Vorbereitung für einen Vortrag lese ich ein älteres Buch des Heidelberger Missionswissenschaftlers Theo Sundermeier  (Aus einer Quelle schöpfen wir. Von Afrikanern lernen. Gütersloh 1992)

Als es erschien, hatte ich als Gemeindepfarrer wenig Zeit für solche Lektüre, obwohl ich ständig nach meinen Erfahrungen in Tansania gefragt wurde. Ich hatte aber den Eindruck, dass man sich nicht ernsthaft dafür interessiert. Gewiß, man sollte „Partnerschaften“ stiften, vielleicht Chöre einladen, Stipendien für Afrikaner organisieren. Ein gewisses Unbehagen hielt mich davon ab, denn ich hatte erlebt, wie problematisch Afrikaner zuhause ihre Übersee-Erlebnisse umsetzen. Die wenigsten werden glücklich damit, manche sogar korrupt. Hätte ich doch damals schon dieses Buch gelesen! Da heißt es:

„Partnerschaft zwischen ungleichen Partnern gibt es nicht….Selbst wenn auf unserer Seite eine größere Bereitschaft vorhanden wäre, den Gast aus Übersee und seine Spiritualität zu empfangen, ein geistlicher Austausch kann nicht stattfinden. Das Zeugnis des anderen ist in einem anderen Kontext gewachsen, besitzt dort Relevanz. Eine einfache, direkte Übertragung ist nicht möglich, weil der Besucher seinen sozialen und kulturellen Hintergrund nicht mitliefern kann, jedenfalls nicht kurzfristig und bei gelegentlichen Besuchen. Man kann nur das aufnehmen, empfangen und internalisieren, was man verstanden hat. Interkulturelles Verstehen aber setzt einen Lebenszusammenhang voraus. Es bedarf der Vermittlung, der Übersetzung. Zwischenstufen müssen eingeschaltet, hermeneutische Schritte bedacht werden. Eine einfache, direkte Übernahme tut beiden Unrecht, den Gemeinden in Übersee und denen bei uns, weil sie beider Situationen nicht ernst genug nimmt…

Wir sind in unserem abendländischen Hochmut nicht fähig, uns selbst zu vergessen und in Lernschritten auf den anderen zuzugehen. Wir verstehen nicht einmal die Fremden in unserer Mitte, wie viel weniger können wir behaupten, von den anderen empfangen zu können. Wir kennen nicht das einfachste Einmaleins einer Xenologie (Lehre vom Fremden), besitzen keine Hermeneutik (Lehre des Verstehens) des Fremden. Je nüchterner wir das einsehen, um so besser.“ S. 117f.

„Partnerschaft beginnt damit, den anderen ihn selbst sein zu lassen. Das heißt, das Fremde als Fremdes zu ertragen, ohne es sich zurechtzubiegen, ohne selektiv nur das zu sehen, was einem ähnlich oder wünschenswert zu sein scheint. Den andern anders sein zu lassen…“ S.122.

Seine „Zehn Gebote der Partnerschaft“ (S.113ff.) kann ich nur jedem empfehlen, der in Gemeinde, Bezirk oder Schule es dennoch versucht.

Heutzutage muss man keine Afrikaner mehr einladen, sie sind ja als Migranten oder Flüchtlinge unter uns. Wollen wir hier von ihnen lernen? Oder sie paternalistisch nur betreuen?

In unserer Stadt gibt es mittlerweile eine Gruppe von sechzig Leuten aus Gambia. Unsere Kirchengemeinde kümmert sich um sie. In zwei Veranstaltungen haben sie über ihr Land, das hier kaum einer kennt, berichtet.

Anlässlich des Films „Six Faces of Gambia“ gab es im Kino eine Podiumsdiskussion. Unter anderen sprach der Fachreferent für Westafrika beim Reutlinger Entwicklungspädagogischen Informationszentrum Kfalo Sékongo. Er forderte zur Überraschung der Zuhörer, die Entwicklungshilfe ganz einzustellen, da sie nur die Korruption fördere. Sie verfestige die bestehenden Strukturen. Wertschöpfung müsse in den globalen Süden verlagert werden.

Vermutlich ist es eine vergebliche Hoffnung, dass afrikanische Migranten einmal in ihr Heimatland zurückkehren und Motoren der Veränderung werden. Wenn sie sich hier einigermaßen integriert haben, wäre das wohl auch zu viel verlangt.

 

 

 

 

 

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