Luther und Literatur

In der “Tübinger Museumsgesellschaft” (die nichts mit einem Museum zu tun hat), trifft sich die gutbürgerliche Gesellschaft zu kulturellen Veranstaltungen. http://www.museumsgesellschaft-tuebingen.de.

Hinter mir sitzen zwei Ärzte, neben mir Professoren. Wir lauschen in dem vollen Saal dem Vortrag „Martin Luther und die Dichter“ von Karl-Josef Kuschel. Freundlicherweise stellt er uns die zahlreichen Zitate von Uhland, Heine und Mann auf zwei Blättern zur Verfügung.

Er bedauert, dass bei den gegenwärtigen Reformationsfeierlichkeiten die Literatur keine besondere Rolle spielt. Seine Beispiele allerdings sind nicht gerade aktuell. Gibt es denn gegenwärtig keine Schriftsteller, die sich mit Luther auseinandersetzen? Während meines Studiums 1970 machte Dieter Forte von sich reden:Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“. https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_%26_Thomas_M%C3%BCnzer_oder_Die_Einf%C3%BChrung_der_Buchhaltung.

Kuschel beginnt mit den lobpreisenden Beispielen von Ludwig Uhland und Heinrich Heine. Dieser verstand ihn im Geiste der französischen Revolution: „Das Denken ward ein Recht und die Befugnisse der Vernunft wurden legitim.“ Und: „Die Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin.“

Kuschel erwähnt die positive Meinung Goethes: „Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind in Folge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zu Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. … Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwicklung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen.“ (Gespräche  mit Eckermann, 17. Febr. 1832.)

Nach dem Krieg machten viele Luther für den Untertanengeist der Deutschen verantwortlich, insbesondere für ihren Antisemitismus. So beispielsweise Thomas Mann „Deutschland und die Deutschen“ 1945: „Martin Luther, eine riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens (…). Ich liebe ihn nicht, das gestehe ich offen. Das Deutsche in Reinkultur, das Separatistisch-Antirömische, Antieuropäische befremdet und ängstigt mich, auch wenn es als evangelische Freiheit und geistliche Emanzipation erscheint, und das spezifisch Lutherische, das Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das fürchterlich Robuste, verbunden mit zarter Gemütstiefe und dem massivsten Aberglauben an Dämonen, Incubi und Kielkröpfe, erregt meine instinktive Abneigung.”

Gleichwohl hat sich Thomans Mann – und das war mir neu – bis zum Lebensende mit Luther auseinandergesetzt, wollte gar noch ein Drama schreiben „Luthers Hochzeit“ und – ganz Großbürger – bestellte eine Lutherbüste für sein Arbeitszimmer.

Kuschel hätte auch Gottfried Benn zitieren können. Der nennt ihn schon 1935 in einem Brief  einen „der größten Vernichter des besseren Deutschtums, Zerstörer der großen mittelalterlichen Kultur“.

Als lutherischer Theologe gestatte ich mir eine andere, bessere Meinung. Da halte ich es mit Walter Jens (Martin Luther. Prediger, Poet, Publizist.): „Luther beherrschte alle Redeweisen und setzte sie ein, wenn Wirkungszweck und Adressaten das verlangten. Was er auch tat, Gedichte schreiben, Fabeln erzählen, Lieder komponieren […] – er hat immer gepredigt, sprach von der Kanzel herab, auch wenn er in der Schreibstube saß, und zielte, als geistlicher Lehrer, in allen Gattungen der Schriftstellerei auf jene Verbindung von herzbewegender Rede und schlichter Diktion ab, die ihm seine rhetorische Tradition offerierte.“

Luther hat enorm viel geschrieben. Man fragt sich, wie er das ohne Computer geschafft hat. „Zwei Meter Luther“ in meinem Bücherschrank warten auf meinen Ruhestand. (Ich fürchte nur, ich müsste 200 Jahre alt werden.) Doch das ist nichts im Vergleich zur berühmten „WA“. Die Weimarer Ausgabe (WA) wurde 1883 zum 400. Geburtstag Luthers begonnen und konnte im Jahr 2009 abgeschlossen werden. Die WA hat 127 Bände im Lexikonformat mit insgesamt ca. 80.000 Seiten. Literaten, macht euch ran!

 

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