Gott oder Mammon

Schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres gab Professor Dr. Ulrich Duchrow in Tübingen ein Seminar mit öffentlichem Vortrag zum Thema „Salz der Erde oder Spiegel der Gesellschaft? – Wider die Ökonomisierung von Gemeinde und Kirche“. Die Veranstaltung gehört zu seinen Bemühungen die Reformation zu radikalisieren. Näheres unter: http://www.reformation-radical.com.

Eine interdisziplinäre Gruppe von WissenschaftlerInnen hat sich zusammengetan, die Gelegenheit des Reformationsjubiläums zu nutzen, folgende Fragen zu stellen: Hat die Reformation zur Entwicklung der westlichen Moderne und der auf sie zurückgehenden Krisen beigetragen und, wenn ja, wie? Wie kann eine neu verstandene und praktizierte Reformation dazu beitragen, diese Krisen zu überwinden?

Duchrow beginnt gleich mit einer Kritik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die in ihrer Reformschrift „Kirche der Freiheit“ den Aspekt der Gerechtigkeit außer acht gelassen hat. Anhand der Bibel weist er nach, dass Gerechtigkeit auf Erden seit der Tora und den Propheten im Alten Testament der entscheidende Begriff der Bibel ist. Jesus hat mit seiner Devise „Gott oder Mammon“ diese Linie noch verschärft. Der Apostel Paulus hat in dieser Perspektive seine Gemeinden geformt als subversive Bewegung gegen den Militär- und Machtstaat Roms. Das Programm der Nächstenliebe war seit der Urgemeinde die Begründung von globaler Solidarität. Angesichts der aufkommenden Geldwirtschaft mit der Idee der „Käuflichkeit des Himmels“ durch Ablasszahlungen hat Martin Luther zu Beginn der Reformation mit seinen 95 Thesen zur Umkehr aufgerufen: “Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße‘ usw. (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Das bedeutet heute, dass wir täglich persönlich und gesellschaftlich aus der zerstörenden Geldherrschaft aussteigen und – vertrauend auf die befreiende Gerechtigkeit Gottes – mitfühlend und solidarisch in gerechten Beziehungen mit den anderen Menschen und Kreaturen leben.

Duchrow scheut im Unterschied zu andern Theologen das Wort „Kapitalismus“ nicht, wenn er das System benennt, das gegenwärtig Menschen durch Krieg oder Unterentwicklung tötet und versklavt. In „94 Thesen“ versucht er mit seiner Gruppe eine radikale Korrektur und Weiterentwicklung der Reformation. Er hofft, dass sich die Kirche von der herkömmlichen „Thron-und-Altar-Tradition“ befreien kann, die heute eine „Kapital-und-Altar-Kirche“ ist. Er setzt bei der nötigen Transformation auf viele Gruppen, die sich ökumenisch, ja interreligiös vernetzen. Denn die Kritik an der Vergötzung des Geldes ist in allen Religionen zu finden. Solche Zellen in den Gemeinden könnten durchaus viele Menschen anziehen, die bisher nicht in die Gemeinden kommen. Attraktion komme durch Qualität nicht durch Quantität.

Die Wissenschaftlergruppe um Duchrow hat bereits fünf  Bände produziert, die alle im Lit-Verlag erschienen sind. Teilweise werden jeweils die 94 Thesen deutsch und englisch wiederholt.

Bd. 1: Befreiung zur Gerechtigkeit
Das Herzstück der Reformation ist Rechtfertigung – Gesetz – Evangelium. Zentral ist dabei die kritische Perspektive der neuen Paulusdeutung gegen die individualistische Auslegung, die Gottes Gerechtigkeit und Befreiung auf das westliche Ich umdeutet und den kalkulatorischen Kapitalismus vorbereitet; gegen die Identifikation des tötenden Gesetzes mit der Tora statt mit dem Gesetz des römischen Imperiums; gegen die schroffe Entgegensetzung von Gesetz und Evangelium, die die Loslösung des Neuen Testaments (NT) vom Alten Testament (AT) bewirkt und Antijudaismus oder Antisemitismus hervorruft.

Bd. 2: Befreiung vom Mammon
Im AT und NT wirkt die imperiale Herrschaft des Geldes als strukturelle Sünde, die alle zu Mittäterinnen und Mittätern macht. Gottes Befreiung vollzieht sich wesentlich über die Bildung torageleiteter und neuer messianischer Gemeinschaften, die Solidarität statt egozentrischen Individualismus praktizieren. Dem entspricht Luthers Verwerfung des käuflichen Heils ebenso wie seine systemische Kritik des Individualismus und des Frühkapitalismus.

Bd. 3: Politik und Ökonomie der Befreiung
Luther  durchschaut den religiösen Charakter des Kapitalismus auf der Basis des 1. Gebots. Seine Schriften zum Handel und Wucher (Finanzsystem) sind zwar im Protestantismus am Rande wirksam geblieben, aber insgesamt sind die lutherischen Kirchen dieser kritischen Perspektive nicht gefolgt. Erst in jüngster Zeit sind die Potentiale der Position Luthers für die Kritik am Neoliberalismus und für eine politische Ethik der Parteinahme und der Versöhnung wiederentdeckt worden.

Bd. 4: Befreiung von Gewalt zum Leben in Frieden
Es sind viele Fehlentwicklungen in und nach der Reformation aufzuarbeiten: Die Wiedergewinnung der politischen Lektüre der Bibel und der materiellen Naturbasis als Medium des Glaubens und des Kircheseins; die Überwindung der gewalttätigen „religiösen Identitätspolitik“ Luthers gegenüber Bauern, Täufern, Juden und Muslimen; eine postkoloniale Perspektive auf Luther; der Durchbruch zu aktiver Gewaltfreiheit.

 Bd. 5: Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation
Das Kreuz ist ein Zeichen des Bösen, aber des Trostes für alle, die gefoltert werden und leiden, ein Zeichen der Hoffnung und der Befreiung. Jesus Christus nimmt die sozio-politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen derer auf sich, die ihrer Rechte beraubt werden. Die Kirche muss ihren Bestand aufs Spiel setzen, indem sie mit den und für die Armen lebt. In der Sünde leben wir getrennt, durch den Geist werden wir wieder miteinander verbunden. Der Geist wirkt frei in den Menschen und in der Welt, darum auch in nichtchristlichen Religionen. Statt sich nur auf die einzelnen Individuen zu konzentrieren, gehört es zum Wesen der Kirche, einen gemeinschaftlichen Ansatz für Widerstand und Transformation zu entwickeln.

In der Diskussion wurde Duchrow nach praktischen Konsequenzen gefragt. Er selber engagiert sich in „kairos europa“ und „attac“. Die grundlegende Perspektive: Der biblische Vorrang der Ausgeschlossenen und Marginalisierten. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er immer wieder in Kirchengemeinden unterwegs ist. In seinem Netzwerk finden sich viele Professoren, aber keiner aus Tübingen.Wem Duchrows Sicht zu radikal erscheint, dem zitiert er ein Wort Bonhoeffers: „Ernsthafte Besinnung aufs Evangelium und scharfe Augen auf die Gegenwart sind die Kräfte, aus denen die lebendige Kirche neu geboren wird. Die kommende Kirche wird nicht ‚bürgerlich‘ sein.“ (Dietrich Bonhoeffer, Sanctorum Communio, DBW 1, 292)

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