Kriegsspuren

Vor über 35 Jahren habe ich in Tübingen einen mittwöchentlichen Friedensgottesdienst begründet, der immerhin monatlich noch stattfindet. Er ist leider fast eine Veranstaltung von Senioren geworden. Selten kann ich jetzt  teilnehmen, aber nie habe ich es bereut.

Diesmal hält der ehemalige Stiftskirchenpfarrer die Ansprache. Er greift das Thema der kommenden Friedensdekade „Kriegsspuren“ auf. www.friedensdekade.de.

In der Jakobuskirche befindet sich in einer Nische unterm Bild des (ziemlich militanten) Erzengels Michael ein Gedenkbuch, in dem handschriftlich alle Getöteten der Gemeinde aus den beiden Weltkriegen verzeichnet sind. Ich habe oft in dieser Kirche gebetet und gearbeitet, aber von diesem Buch nichts gewusst.

1956 hat der damalige Gemeindepfarrer in alter deutscher Schrift die Namen und Lebensdaten verzeichnet. Manche sind noch bekannt, die meisten sind vergessen. Auf alle Fälle waren es junge Menschen, die schuldig oder unschuldig aus dem Leben gerissen wurden. Anlass war die Wiederbeschaffung der Glocken, die im Krieg eingeschmolzen worden waren. Wenn sie mittags läuten, soll man still werden und der Toten fürbittend gedenken.

Das Buch regt an, sich über Kriegsspuren Gedanken zu machen. Oftmals redet die Kriegsgeneration erst im Altersheim über ihre Erlebnisse, manche Traumata wirken noch in den nächsten Generationen fort.

Während wir noch immer die Wunden der Vergangenheit zu heilen versuchen, reißen andere ständig neue auf. Wer kann den Wahnsinn, der sich gegenwärtig in Syrien und anderswo austobt, überhaupt noch an sich heranlassen? Stumpfen wir nicht bei jeder „Tagesschau“ ein wenig mehr ab? Vor allem, wenn es schnell heißt: „Und nun zum Sport!“?

Hat es angesichts der medial vermittelten globalen Katastrophen überhaupt einen Sinn, sich mit kleiner Kraft irgendwo zu engagieren?

Ein solcher Gottesdienst lässt mich aufatmen, lässt Gemeinschaft der ebenfalls Engagierten spüren und ist ein Balsam gegen Depression und Verzweiflung.

In den Ankündigungen werden die Veranstaltungen genannt, die iim November in der 37. Ökumenischen Friedensdekade geplant sind. Ich selber beteilige mich auf Wunsch der Gemeindepfarrerin mit einem Vortrag zum Thema „Christliche Friedensarbeit in kriegerischen Zeiten. Eine Besinnung auf Dietrich Bonhoeffers Ethik“. (8. November 20 Uhr, Dietrich Bonhoeffer Kirche Tübingen). Zuvor am 6. November predige ich in der Albert-Schweitzer-Kirche im Gemeindegottesdienst.

Eine konkrete Aktion in dieser Dekade richtet sich gegen den Kleinwaffenexport. Wenige wissen, dass diese Waffenart mehr Tote und Verletzte verursacht als jede andere. Man schätzt dass jedes Jahr mindestens eine halbe Million Menschen durch solche Waffen getötet werden.

Näheres unter: http://www.aufschrei-waffenhandel.de. Dort heißt es:

„Nach den USA, Russland und China ist Deutschland weltweit der viertgrößte Großwaffenexporteur. Beim Handel mit Kleinwaffen steht die Bundesrepublik nach den USA sogar an zweiter Stelle. Die aus Deutschland gelieferten Waffen feuern bestehende Konflikte an. Vor der daraus resultierenden Gewalt versuchen viele Menschen sich durch Flucht zu retten. Wir fühlen uns den Opfern dieser skandalösen Politik verbunden und wollen den Geschäften mit dem Tod ein Ende setzen. Fordern Sie mit uns ein grundsätzliches Verbot des Exportes von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern.“

 

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