Goldenes Abitur

“Hat dir etwa die Schule Spaß gemacht?” werde ich gefragt, als ich erwähne, dass ich zum 50. Jubiläums meines Abiturs zu einem Klassentreffen nach Stade fahre. „Nein“, wäre die ehrliche Antwort. Und die Ergänzung: „Aber die Schulzeit!“

Im Unterschied zur heutigen Situation hat uns die Schule viel Zeit gelassen für eigene Unternehmungen bzw. wir haben sie uns genommen. Im Zweifel wurden eben Schularbeiten nicht gemacht. Zensuren waren mir wurscht. So konnten wir (oft in der Klassengemeinschaft)  rudern und paddeln auf der Elbe, „werken“, Posaune blasen , Theater oder Fußball  spielen. Noch vor der Studentenbewegung opponieren wir politisch und tummeln uns journalistisch. Ich selber verdanke der kirchlichen Jugendarbeit viel, mehr als der Schule.

Darum bin ich jetzt fröhlich nach Stade gefahren, um meine Schulkameraden wieder zu sehen. Unsere Klasse hatte sich schon öfter getroffen, aber die aus den Parallelklassen habe ich seit fünfzig Jahren nicht gesehen. Zum Glück gibt es Namensschilder. Außerdem sind erstmals die Partnerinnen dabei. (Wir waren ja eine reine Jungenschule.)

Wir treffen uns am Fischmarkt, der jetzt eine Touristenattraktion ist. Man kann in Straßencafés draußen sitzen. „Damals“ vor fünfzig Jahren war die Altstadt verwinkelt und verfallen. Die Autos quälten sich durch die Gassen und mancher träumte von einer „autogerechten“ Stadt. Zum Glück hatte man bis in die siebziger Jahre kein Geld für die sonst übliche „Kahlschlag-Sanierung“.

Nach dem ersten „Hallo“ fahren wir in zwei Booten auf dem Burggraben um  die Altstadt. Jene hat man sich aus dem Spreewald besorgt. Sehr schön sind die Bastionen und Wallanlagen restauriert, die in der Schwedenzeit aufgeworfen worden waren. „Damals“ dienten sie uns als Abenteuerplätze, wenn wir Indianer spielten. Heute muss man den Touristen etwas bieten. Sogar eine original venezianische Gondel liegt bereit.

Als Vorort von Hamburg mit S-Bahn-Anschluss hat sich Stade kräftig entwickelt, ebenso unser altes Gymnasium Athenaeum. Gespannt folgen wir einer gründlichen Führung. Im Altbau kommen Erinnerungen auf. Anfangs wurden wir in der Unterstufe im Keller nachmittags unterrichtet, weil der Platz nicht reichte.

Der zusätzliche Neubau wurde damals bejubelt. Auf dem Dach haben wir seinerzeit mit unserer astronomischen Arbeitsgemeinschaft eine Sonnenfinsternis mit geschwärzten Gläsern beobachtet. Jetzt erlaubt ein Teleskop echte Forschungen. Nebenbei hat man von dieser kleinen Sternwarte einen tollen Rundblick über die ganze Stadt.

Jetzt sind noch zwei weiteren Gebäude hinzugekommen. Wirklich beeindruckt bin ich aber von der unvergleichlich besseren Ausstattung. Theater wird nicht nur in der alten Aula geprobt, sondern auch auf speziellen Probebühnen. Da finden sich Musikzimmer mit Instrumenten, neben modernen Physik- und Chemieräumen auch IT-Zimmer. Wir treffen zwei selbstbewusste Schüler, die bei „Jugend forscht“ mitmachen und Drohnen bauen. Geradezu dankbar bin ich, dass in einem Stützpunkt zwei Lehrerinnen noch rote Tinte bei der Korrektur der Aufsätze einsetzen. Man würde sonst seine Schule gar nicht wiedererkennen.

Die wichtigste Änderung zu unserer Zeit ist natürlich, dass schon lange koedukativ unterrichtet wird. Mädchen gingen damals in die Vincent-Lübeck-Schule, deren Pausen so gelegt wurden, dass man sich kaum treffen konnte. Was für ein Krampf!

Bedauerlich finde ich nur, dass kein Griechisch mehr unterrichtet wird. In der phantastischen Schulbibliothek findet sich nicht einmal unter „Andere Sprachen“ ein griechisches Buch. Stattdessen ist seit kurzer Zeit eine chinesische Austauschlehrerin zu Gast. Sie unterrichtet eine Chinesisch-AG, in der die Schüler mit großem Interesse an Sprache und Kultur mitarbeiten.

Die Schule stellt sich heute so dar:  http://www.athenaeum-stade.de.

Wenn man allerdings etwas über frühere Zeiten erfahren will, muss man wikipedia schauen: https://de.wikipedia.org/wiki/Athenaeum_Stade.

Aus unserem Jahrgang sind viele Lehrer geworden. Einige haben an der eigenen Schule für wichtige Veränderungen gesorgt. Alle gutbürgerlichen Berufe wie Ärzte, Pastoren oder Wissenschaftler sind vertreten. Um einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz sorgte sich niemand. (Ein markanter Unterschied zur Gegenwart!)

Sorglos feiern wir am Abend in der ehemaligen Seminarturnhalle. Leider sind unsere Lehrer nicht mehr am Leben. Sie würden sich freuen, dass aus ihren Schülern etwas geworden ist. Manche zweifelten doch erheblich daran.

 

 

 

 

 

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