Jörg Zink +

Auf dem Weg zu einer Redaktionssitzung der “Offenen Kirche” erfahre ich im Autoradio, dass Jörg Zink am Freitag verstorben ist. Mir geht durch den Kopf, dass ich seit meiner Konfirmation immer wieder gern seine Bücher gelesen habe. Natürlich habe ich als Student über diesen gutbürgerlichen Theologen und Erfolgsschriftsteller auch gespottet und ihn kritisiert. Doch in der Gemeindepraxis habe ich oft seine Bücher benutzt. Persönlich bin ich ihm dreimal begegnet. 1. 1980 baten mich „die Grünen“ um eine Andacht bei ihrem Landesparteitag in Böblingen. (Das war zur gleichen Zeit, da Heiner Geisler als Generalsekretär der CDU Modernität demonstrieren wollte und auf seinem Parteitag eine Striptease-Truppe auftreten ließ.) Zink winkte bescheiden ab, als ich ihm das Wort überlassen wollte, und setzte sich unter die Teilnehmer. Es war damals für einen prominenten Pfarrer risikoreich, sich zu der neuen, noch sehr chaotischen Partei zu bekennen, zumal schon sein umweltkritisches Fernsehwort zum Bußtag den Zorn der Etablierten in Kirche und Politik provoziert hatte. 2. Zur Vorbereitung einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll lud er mich in sein Haus ein. Er war überhaupt nicht unnahbar wie vermutet. Viel länger als erwartet sprachen wir über „Gott und die Welt“. Ich staunte über die Weite seiner Interessen. Zum Schluss bot er mir das „Du“ an. 3. Bei einer meiner interreligiösen Tagungen  mit Buddhisten sprach er über „Erleuchtung“. Dem Sinne nach sagte er: „Christen müssen keine Leuchttürme sein, aber sie dürfen den Glanz Gottes widerspiegeln.“

In der heutigen Redaktionssitzung besprachen wir die möglichen Themen des nächsten Heftes. Ich dachte immerzu: Eigentlich bräuchten wir  nur Zinks Texte nachzudrucken. Sie sind immer noch weit dem normalkirchlichen Bewusstsein voraus und viel besser als unsere eigenen.

Zum Schluss drückte mir die Redaktionsleiterin die neue Biographie über Jörg Zink in die Hand. Ich dachte mir: „Was soll die? Er hat doch selber schon x-mal über sein Leben geschrieben.“ Doch dann las ich fasziniert die 255 Seiten in einem Rutsch:

Matthias Morgenroth: Jörg Zink, eine Biographie, Gütersloher Verlagshaus 2013.

Die Lektüre wird einem erleichtert, weil der Autor wohl fast die Hälfte des Buches mit Zitaten aus Zinks ca. 250 Schriften  füllt. Dazu gibt es dreißig bisher unbekannte Fotos aus dem Familienalbum.

Es stimmt: „Man kann nur staunen über ein Leben voller tiefer Erfahrungen, Abenteuer, Kreativität und Mut: Jörg Zink ist ein authentischer, aufrechter Mann, der wie kaum ein anderer Theologe in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und wird – als Macher vom »Wort zum Sonntag«, Gallionsfigur des Kirchentags, Bibelübersetzer, Pädagoge, einer der wichtigsten Sprecher der Friedensbewegung und als Umweltschutzaktivist ein Gründungsmitglied der Grünen. Der unkonventionelle theologische Denker hat oft das ausgesprochen, was viele – Pfarrer, Gemeindechristen und Kirchenferne – sich nicht zu sagen trauten. Seit Jahrzehnten zeigt er Wege zu einer glaubwürdigen Theologie und einem erfahrbaren Glauben.”

Was mich an dieser Verlagswerbung stört, ist die leise Polemik gegen die Amtskirche, die auch Zink sich manchmal leistete. In seiner Ausnahmeposition mit eigenen Tantiemen blieb ihm die Kärrnerarbeit an der Basis erspart. Er musste keine Kindergärten verwalten oder sich mit unmotivierten Konfirmanden abgeben. Der Startheologe konnte sich mühsame Kirchengemeinderatssitzung ersparen. Dennoch: Ich halte ihn  für einen wahren Apostel einer „Offenen Kirche“.

Zink:  „Wenn wir sagen, die Kirche habe die Offenheit zu bewahren, die sie braucht, um sich immer und immer wieder neu zu reformieren, so geht es um den Weg jeder Generation aus dem Christentum („christliches Abendland!“w.w.), dieser synkretistischen Religion, vorwärts zu einer neuen Erkenntnis des Evangeliums, aus aller Beliebigkeit zu dem, was uns unbedingt angeht, aus der bunten Fülle des Überlieferten zur schlichten Klarheit und Schönheit der Botschaft des Jesus von Nazareth, wie wir sie verstehen müssen und verstehen dürfen.“

Wahrheit ist also immer nur menschliche Deutung einer Erfahrung. Wer das bezweifelt, muss die Volkskirchen abschaffen. Wer ernst nimmt, dass die Wahrheit Gottes Sache ist und alles andere menschliche Deutung, kann zum Frieden zwischen den Religionen und Konfessionen beitragen Deswegen kann Zink die traditionellen Bekenntnisse der Geschichte überlassen. Aus ihnen soll das heutige Bekenntnis herauswachsen. Religiöse Erfahrung also ist der Urgrund, der Bilder und Symbole schafft. So öffnet sich Zink mystischen Einsichten. So nähert er sich dem Geheimnis Gottes.

Er wird nun schauen dürfen, was er geglaubt hat.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s