Anthropozän

Die Kolumnistin Sybille Berg fragt polemisch: “Warum wird im Netz jetzt permanent für irgendein Land, in dem Menschen Terrorattacken zum Opfer gefallen sind, gebetet? Warum beten? Warum nicht lernen? Weil mit Gebeten und Religionsstudien beschäftigte, abgelenkte Menschen besser zu regieren sind?“

Dass Menschen mit dem Motto „Ora et Labora“ (Bete und arbeite) unsere Kultur positiv beeinflusst haben, kommt ihr wohl nicht in den Sinn. Beten und Lernen sind für mich keine Gegensätze sondern Ergänzungen. Andererseits stimme ich ihr zu, dass die gegenwärtigen Aufreger der Medien eher von wichtigen Aufgaben ablenken. Diese Kritik geht aber nicht nur an die Mediennutzer, sondern vor allem an die Medienproduzenten. Da könnte sich die Medienfrau an die eigene Nase fassen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/maskulisten-und-identitaere-den-ruelps-einfach-ignorieren-a-1111483.html.

Nun gab es aber diese Woche im Fernsehen zwei durchaus anregende Sendungen:

http://www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/188468/index.html.

Sie motivieren mich, mich mehr mit den Diskussionen um den Begriff „Anthropozän“ auseinanderzusetzen.

Eine zur Prüfung dieser Frage eingesetzte Arbeitsgruppe plädierte am 29. August auf dem Internationalen Geologischen Kongress im südafrikanischen Kapstadt mit 34 von 35 Stimmen dafür, den Terminus einzuführen.

Geologen teilen die Erdgeschichte in verschiedene Zeitalter ein. Demnach lebt die Menschheit derzeit im Holozän, das vor 12.000 Jahren nach dem Ende der letzten Eiszeit begann. Zu den Veränderungen durch den Menschen zählten neben dem Klimawandel die großräumigen Veränderungen der Kreisläufe etwa von Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor, die Verbreitung von Plastik, Aluminium, Beton-Partikeln, Flugasche und radioaktivem Fallout sowie die beispiellose globale Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten. „Viele dieser Veränderungen sind geologisch dauerhaft und manche sind praktisch unumkehrbar“, schreibt die Arbeitsgruppe.

In der Diskussion bei „Scobel“ zeigte sich, dass die die Debatten der Geologen nicht so relevant sind für die Frage, welche Konsequenzen wir ziehen müssen. Einzig der Soziologe Harald Welzer bringt Perspektiven für Veränderungen, die beim Einzelnen beginnen können. Allerdings sieht er auch die ungeheure Bremswirkung des „Bequemismus“. Wir handeln nicht nach unseren Einsichten, weil es unbequem ist.

Hier kommt für mich der christliche Glaube ins Spiel, der Verantwortung für die Schöpfung bedeutet. Die bekannte Übersetzung im biblischen Schöpfungsbericht „Macht euch die Erde untertan“ ist in der Neuzeit übel angewandt worden. Gemeint ist in der Genesis ein Auftrag an den Menschen als Gärtner. Viele Gruppen in den Kirchen haben das begriffen.

Der Chemiker, Mediziner und Biophysiker James Lovelock schreibt in „Die Erde und ich“: „Seit 1962 Rachel Carsons bahnbrechendes Buch „Der stumme Frühling“ erschien, betrachten wir die Umstände und Folgen des Anthropozäns aus einer neuen Perspektive. Wir wurden auf die globalen und lokalen Gefahren aufmerksam, die durch das Industriezeitalter entstanden, so auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe und auf die Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die in der Stratosphäre angelangt sind und die schützende Ozonschicht der Erde bedrohen.“ Lovelock ist der Mitbegründer der sogenannten Gaia-Hypothese, die besagt, dass die gesamte Erde als ein komplexes Lebewesen betrachtet werden muss Es ist unser Verhalten, das Auswirkungen hat; und wir sind es, die es ändern müssen.

Bisher habe ich theologischerseits nur bei Jürgen Moltmann eine Auseinandersetzung mit der Gaia-Vorstellung gefunden. Auch die Debatte zum Anthropozän hat bei Theologen wenig Echo hervorgerufen, wenn man von Jürgen Manemann absieht. Gegen die Rede vom Anthropozän, das zum Programmwort klimapolitischer Debatten avanciert, plädiert Manemann für eine „neue Humanökologie“, denn an der Zeit sei nicht eine weitere Hominisierung der Welt, sondern eine tiefere Humanisierung des Menschen. (Jürgen Manemann: Kritik des Anthropozäns: Plädoyer für eine neue Humanökologie, Bielefeld 2014.)

Der Praktiker kann nur Scobel zustimmen: „Es gibt nur zwei relevante Fragen, die sich aus all dem ergeben: Erstens die Frage: Ändern wir unsere Perspektive? Und zweitens: schaffen wir es, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, jetzt anders zu handeln?“

Ob eine TV-Sendung noch aufrütteln kann? Diese wäre dazu geeignet.

 

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