Tansania (9): Iringa

Nur ungern trennen wir uns von der Strandidylle am Nyassa-See und brechen früh auf. Wir wollen ja noch etwas von Iringa sehen. Eigentlich bevorzuge ich eine Alternativroute über Ipinda. Der Fahrweg geht mitten durch die Bananenhaine und man kommt dort an dem geheimnisvollen Masoko-Kratersee vorbei. Angeblich haben deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg dort einen Schatz versenkt. Man musste nur immer aufpassen, dass einem nicht die Hühner unter die Räder liefen. Doch unser Fahrer rät ab. So nehmen wir dieselbe Route zurück über Kyela und Tukuyu nach Uyole. Auch auf der kann man ebenso nachempfinden, warum Joseph Thomson, einer der ersten Reisenden, 1879 von einem „perfekten Arcadia“ schrieb. Besonders beeindruckten ihn die gepflegten Felder und die „ansehnlichen, sauberen Rundhütten“. Einige gibt es noch heute, aber es breiten sich auch hässliche Wellblechhäuser aus. Die Übervölkerung zwingt viele, in den Städten nach Arbeit zu suchen. Warum es allerdings in Lutengano Gastarbeiter aus Somalia gibt, verstehe ich nicht. Ihretwegen musste die Schweinezucht im College aufgegeben werden. Die Globalisierung wirbelt die Menschen ganz schön herum. In den achtziger Jahren gab es zwar schon chinesische Arbeiter im Kohleabbau. Sie blieben aber wie in einem Ghetto unter sich.

Immer wieder ermahne ich unsern Fahrer, nicht so schnell zu fahren. Besonders bei einer Bergkurve, die die Einheimischen ironisch „Flugplatz“ nennen, weil immer wieder Autos in den Abhang „fliegen“. Er hat es aber eilig, weil seine Mutter (vielleicht auch Tante?) gestorben sei. Da muss er zur Trauerfeier (kilio). Oder erzählt er das nur, um das Trinkgeld zu erhöhen? Ein „kilio“ ist jedenfalls ein „Muss“ für die ganze Verwandtschaft und geht tagelang. Hinter Tukuyu, wo ich bei einem früheren Besuch in einem ziemlich charismatischen Gottesdienst gesprochen habe, erwischt es uns dann: Eine Reifenpanne! Wie hier üblich reiße ich grüne Zweige ab und lege sie auf die Fahrbahn. Sie ersetzen traditionell das Warndreieck.. Nach der Zwangspause geht es weiter den Poroto-Pass hinunter mit einem wunderbaren Ausblick auf die Ebenen.

Eigentlich wollten ich diese Tour mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestreiten. Auf der Karte ist die Strecke nicht einmal weit. Aber die Busse und erste recht die „Dalla-Dallas“ sind langsam. Mit ihnen könnte ich unsern Zeitplan nicht einhalten. So steigen wir in Uyole in einen anderen Landrover mit einem neuen Fahrer namens Josef um.

Die Hauptstraße zwischen Mbeya und Iringa folgt dem Südrand der Usangu-Ebene parallel zur Eisenbahn. Sie  kreuzt viele Bäche, die aus den Bergen kommen und schließlich in den Ruaha und Rufiji fließen. Die Ebene wird von Nomaden bewohnt. „Damals“ (1988) bin ich öfter mit dem Missionsflugzeug der MAF mitgeflogen, um Evangelisationen durchzuführen. Man kreiste über einer möglichst flachen Stelle, damit die Rinder verschwinden. Nach der Landung kamen dann die Menschen angerannt, um sich impfen zu lassen oder einfache medizinische Versorgung zu kriegen. In der Regenzeit ist die Gegend unpassierbar. Ein Freund arbeitete damals in der Station Brandt, zu der die Herrnhuter Missionshilfe gerade eine Freiwillige entsandt hat.

Bis Makambako kommen wir gut voran. Aber dann beginnt eine wüste Strecke, weil die ganze Straße aufgerissen ist. Vorbei an den ausgedehnten Kiefernwäldern wird erst nach Mafinga die Straße wieder befahrbar. Viel später als gedacht kommen wir in das leicht hügelige Gebiet mit den charakteristischen Granitfelsen.

Iringa liegt auf einer Hochfläche. Die steile Straße hinauf ist besser ausgebaut. Viel Zeit bleibt nicht, um die Stadt anzuschauen, die ich angenehm in Erinnerung habe. Dort trafen sich zur Ostern die damals noch zahlreichen europäischen kirchlichen Mitarbeiter. Jetzt sind nur noch wenige eingesetzt. Wir übernachten in dem ziemlich neuen  Gästehaus der lutherischen Kirche (http://www.iringalutherancentre.com) und leisten uns ein schönes Abendessen in einem indischen Restaurant. Keine Lust auf Ugali (Maisbrei)!

In Iringa trifft man auf eine wenig rühmliche deutsche Kolonialvergangenheit. Der hiesige Stamm der Hehe leistete  erbitterten Widerstand gegen die Kolonialisten schon 1889. Ihr Häuptling Mkwawa führte Jahre lang einen wirkungsvollen Kleinkrieg gegen die Deutschen bis er 1898 sich der Gefangennahme durch Suizid entzog. Sein Schädel lag bis 1954 im Überseemuseum Bremen. Man verehrt ihn in Tansania als Nationalhelden und Vorkämpfer der Unabhängigkeit. Bekannter ist der Maji-Maji-Krieg von 1905-07, der brutal niedergeschlagen wurde. Insgesamt sind leider die Kolonialverbrechen wenig im deutschen Bewusstsein, da sie später von den Nazi-Verbrechen überboten wurden. Dabei liegt eine deren Wurzeln schon in diesem früheren Rassismus und Eroberungsdrang.

 

 

 

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