Tansania (8): Matema

Am Nordufer des Nyassasees gingen Ende des 19. Jahrhunderts evangelische Missionare an Land, die nach einer beschwerlichen Reise von Genua nach Daressalam und von dort über den Sambesi , den Shire und den See kamen. Matema ist eine traditionelle Station der lutherischen Berliner Mission. Der Berliner Missionar Schumann wurde bald ernüchtert: „Wenn wir anfangs gedacht hatte, das Dorado eines Heidenvolkes vor uns zu haben, unter dem das Evangelium bald Eingang finden würde, so hatten wir uns gewaltig geirrt. Wir hatten ein sehr selbstzufriedenes Volk vor uns, das verhältnismäßig glücklich und heiter in den Tag hineinlebte. Alles was der alte Adam sich wünscht, hatten die Heiden: Weiber, Vieh, reichliche Nahrung, ein bequemes Leben, milde Häuptlingsherrschaft.“ Doch die Saat ist aufgegangen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania (ELCT) ist mit 5,3 Millionen Mitgliedern eine der größten lutherischen Kirchen Afrikas und mit einem jährlichen Zuwachs von 14,5 Prozent eine der am stärksten wachsenden Kirchen in unserer Zeit.. In der ELCT sind 20 Diözesen, vergleichbar deutschen Landeskirchen, in einem Kirchenbund zusammengeschlossen. Die Kirchen tragen das Gesundheits- und Bildungswesen Tansanias in entscheidendem Maße mit; über das ganze Land verteilt unterhält die ELCT Krankenhäuser, Erste-Hilfe-Stationen, Kinderheime und andere diakonische Einrichtungen, sowie zahlreiche Schulen, darunter auch Blinden- und Gehörlosenschulen. Viele dieser Einrichtungen und auch tansanische Städte gehen auf die Gründung durch Berliner Missionare zurück. Leider ist die Internetdarstellung des heutigen Berliner Missionswerks wenig aktuell. Dafür zeigt die Homepage der ELCT Selbstbewusstsein: http://www.elct.org/.

In den achtziger Jahren übernachteten wir öfter im alten Missionshaus, in dem die legendäre „sista Verena“ wohnte. Sie versorgte fast allein die kleine Krankenstation, die nun ein ordentliches Krankenhaus ist. Lange gab es keinen Strom und in der Regenzeit war der Ort abgeschnitten. Jetzt gibt es Strom. In kleinen Läden stehen Fernseher mit Sportübertragungen, vor denen sich die Zuschauer drängeln.

Am Sonntag finden in der großen lutherischen Kirche zwei Gottesdienste statt. Der Ortspfarrer wird verabschiedet. Natürlich müssen wir uns wie alle Gäste vorstellen. Ich bin aber froh, dass ich nicht zum Vorbeten aufgerufen werde. Nach dem Gottesdienst werden Opfergaben wie Eier, Öl oder Milch versteigert. Eine Kirche ohne Kirchensteuer muss sich ja etwas einfallen lassen. Unter den Europäern treffen wir einen Arzt mit seiner Familie, der in seinem Urlaub als Chirurg mithilft. Auch die unverwüstliche deutsche Ärztin Heinke Schimanowski-Thomsen, die mehr als zehn Jahre in der Klinik gearbeitet hat, ist wieder da. Zu unserer Zeit kannten wir sie als Missionarsfrau in Ilembula. Dann studierte sie noch im fortgeschrittenen Alter Medizin. Etliche junge Freiwillige engagieren sich in Matema. Dazu gesellt sich eine Wiener Medizinstudentin, die uns am Abend noch einige Probleme der Klinik schildert.

Der tansanische Staat, der eine vertragliche Zusicherung gegeben hat, Behandlungskosten für ausgewählte Leistungen zu tragen, bleibt immer wieder seine Zahlungen schuldig. Zugleich verlangt er aber die kostenlose Behandlung von Schwangeren und Kindern bis zu einem Alter von fünf Jahren. An sich eine gute Sache, nur bleiben die Krankenhäuser auf den Kosten sitzen. 150 Euro sind das zum Beispiel für einen Kaiserschnitt, für tansanische Verhältnisse eine beachtliche Summe. Und mit der Aussicht auf freie Behandlung steigt die Zahl der Patienten stetig an. Ohne die Mitarbeit  der  Kirchen würde das Gesundheitswesen Tansanias zusammenbrechen. Über 90 Prozent der Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten wird durch Gesundheitszentren und Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft sichergestellt.

Vor sieben Jahren haben wir mit einer Gruppe Aids-Witwen und -Waisen besucht. Da wurde uns klar, dass das Leben hier hart ist trotz der paradiesischen Landschaft. Diese wollen wir diesmal unbeschwert genießen. Noch ist es am Strand ziemlich einsam, noch fahren die Fischer auf Einbäumen hinaus. Noch gibt es kein touristisches Remmidemmi.

Ich wandere mit unserer ältesten Tochter zum Dorf der Töpfer Ikombe. Der Weg am Rande der Berge ist schlecht, aber man kann ihn nicht verfehlen. Die Brücken sind zerstört, man muss jedesmal zum Bach hinunter und auf der anderen Seite wieder hinaufkraxeln.Es gibt ja keine Wanderkarten, Wegweiser oder Markierungen. Wer in die Berge will, sollte einen Führer anheuern.

Ikombe hat etwa 4000 Einwohner. Das Töpferhandwerk hat dort eine jahrhundertealte Tradition und spielt eine entscheidende Rolle im lokalen Wirtschaftskreislauf. Die Töpfe müssen per Boot zu einem Markt am gegenüberliegenden Seeufer in Malawi transportiert werden, da sie dort besser verkauft werden können als in Tansania selbst. Vor Jahren hat die evangelische Kirchengemeinde Ikombe den Kleinhändlern ein zwölf Meter langes Holzboot zur Verfügung gestellt, mit dem sie ihre Ware über den See transportieren können.

Als wir endlich am Dorf ankommen, verlangt ein junger Mann eine Eintrittsgebühr. Das macht mich zornig. Ich zahle gern, wenn sie dem Wanderer außer Töpfen etwas anbieten. Und sei es ein Glas Wasser. Aber so erkläre ich dem verdutzten Wächter: „Die Zeit des Tributs ist vorbei.“ Wir kehren einfach um: Der Weg ist das Ziel. Außerdem steht die Sonne schon bedenklich tief. Morgen müssen wir früh aufstehen, denn wir wollen nach Iringa.

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