Tansania (10): Mikumi

Von Iringa aus sind wir „damals“ gern auf abenteuerlichen Wegen in den Ruaha-Park gefahren. Jetzt müssen wir uns aus Zeitgründen mit Mikumi begnügen.

Wir steigen morgens in den Bus der Linie „Upendo“ (Liebe), wo uns zunächst ungefragt ein Charismatiker anpredigt. Die Leute nehmen es apathisch hin. Zum Glück verlässt er uns bald wieder. Auf der Hauptstraße kommen wir gut vorwärts. Die gefürchteten Serpentinen in die trockene Savannenebene sind besser ausgebaut. Früher sah man immer einige Autowracks in der Schlucht. Leider macht der Bus kaum Pausen, es gibt nur eine Raststätte unterwegs. Die Straße folgt dem von hohen Bergen umsäumten Flusstal des Great Ruaha. Hier bei Mbuyuni sieht man die wohl größte Ansammlung der Baobab-Bäume mit ihren skurrilen Formen. Nach dem Dorf Mikumi und vor dem gleichnamigen Nationalpark nehmen wir Quartier in der „Tan-Swiss- Lodge“. Früher übernachteten wir auf dem Weg nach Daressalam gern in der staatlichen Mikumi Wildlife Lodge, die leider vor vielen Jahren schon abgebrannt ist.

Frühmorgens geht es mit einem Landrover (Miete: 150 Dollar) auf die „Pirsch“. Als Tourist muss man den Eintritt von je 30 Dollar per Kreditkarte bezahlen. „Damals“ haben wir sogar Löwen von der Durchgangsstraße aus gesehen. Jetzt müssen wir die Tiere erst aufspüren: Neben Giraffen, Zebras und Gnus sehen wir auch Flusspferde, Krokodile, Büffel, Warzenschweine, Schakale und viele Vögel. Als Höhepunkt zieht eine respektable Elefantenherde vorbei. Unser Guide Samuel entpuppt sich als hervorragender Kenner der Tierwelt und kann viele interessante Geschichten erzählen.

Ich habe am Eingang einen Ranger gefragt wie es mit Wilderern aussieht. „Die haben wir im Griff“, gibt er an. Leider stimmt das nicht.

Tansania gilt als Zentrum der Elefanten-Wilderei und als Transitland für den Elfenbeinschmuggel aus Nachbarländern nach China. 85% allen weltweit beschlagnahmten afrikanischen Elfenbeins stammten aus Westafrika und Tansania. Seit der Unabhängigkeit Tansanias 1961 ging die Zahl der Elefanten von 350.000 auf 43.521 (Nov. 2014) zurück. Nachdem im Selous-Wildschutzgebiet von 109.000 Elefanten nur noch 13.084 übrig waren, zogen die gut organisierten Wildererteams in den Ruaha Nationalpark und töteten dort 2013 60% der Elefanten, d.h. 1000 Tiere monatlich. Die Touristenführer meiden im Gegensatz zu früher Ansammlungen von Geiern, um ihren Gästen den Anblick niedergemetzelter Elefantenfamilien zu ersparen. Experten berichten, dass sich die verbliebenen Elefanten der Bedrohung anpassen, menschenscheu und nachtaktiv werden.

Experten zufolge ist Wilderei in diesem Ausmaß und der fast ungehinderte Export des Elfenbeins nur möglich, weil mächtige Verbrechersyndikate von wichtigen Persönlichkeiten in der Politik geschützt werden. Der Elefantenexperte Dr. A. Kikoti erinnert daran, dass der frühere Tourismus-Minister K. Kagasheki entlassen wurde, nachdem er dem Präsidenten eine geheime Liste hoher Politiker übergeben hatte, die in die organisierte Wilderei verstrickt sein sollen. Er stürzte über Menschenrechtsverletzungen bei einer Armeekampagne gegen Wilderei 2013. Die Streitkräfte hatten sich hauptsächlich gegen Viehhirten und Gelegenheitswilderer gewandt, aber keinen Erfolg gegen das organisierte Verbrechen erzielt . Laut Dr. Kikoti geht der derzeit zuständige Tourismus-Minister nicht entschlossen gegen das mächtige Netzwerk korrupter Polizei-, Passbehörden- und Wildschutz-Mitarbeiter, sowie Politiker vor, die das Wilderer-Syndikat decken. Daher zeigt die umfassende internationale Unterstützung des Wildschutzes in Tansania nur bescheidene Wirkung. Man befürchtet mit schwindendem Wildbestand, viele Arbeitsplätze in der Tourismusbranche zu verlieren. Statistisch generiert ein Elefant $ 1,6 Mill. Einkommen, während die lokalen Wilderer nur $ 2.800 für ein getötetes Tier einnehmen. Rechnerisch bedeuten die gewilderten Elefanten Tansanias damit einen Verlust von $ 105 Milliarden.

Ich bin gespannt, ob es unter dem neuen Präsidenten Magufuli besser wird. Anscheinend greift er ziemlich autoritär durch. So hat er seinen Freund, einen Minister gefeuert, weil der betrunken im Parlament erschienen war. Andererseits verhindert er Kritik an seinen Entscheidungen.

Die „Business Times“ mahnt unter dem Titel „Magufuli, der Churchill oder der Don Quijote Tansanias?“ zu Nüchternheit und Realismus. Der Präsident  orientiere sich an Churchill mit seinen „Blut, Schweiß und Tränen“- Reden. Er gleiche aber auch dem Windmühlen-Kämpfer Don Quijote mit „übereilten, hochfliegenden, romantischen und extravagant-ritterlichen Aktionen, die sich in der Praxis oft als undurchführbar oder nicht nachhaltig erweisen“. Schwere Korruption sei in Tansania so allgegenwärtig und tief verwurzelt, dass nur eine große gemeinsame Anstrengung eine Wende herbeiführen könne.

Der Schweizer Inhaber unserer Lodge Josef sieht den neuen Präsidenten kritisch, weil er die Opposition unterdrückt. Der Schweizer Markus Lehner sieht ihn positiv: „Man muss für ihn beten.“

 

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