Tansania (4): Mbeya

Schon bei der Anfahrt mit der Bahn sehen wir, dass sich Mbeya enorm vergrößert hat. 1927 wurde die Stadt gegründet als kleine Verwaltungsstelle wegen der Goldfunde am Lupa-Fluß. Bei meiner ersten Reise in den siebziger Jahren hatte die Stadt 13000 Einwohner, während unserer Arbeit in den achtziger Jahren schon über 100000. Es hatte noch den Charme einer britischen Kolonialstadt. Jetzt zählt man  400000, wobei die Grenzen zu den umliegenden Dörfern fließend sind. Von „Charme“ kann keine Rede mehr sein, da die wichtigen Straßen ständig verstopft sind. Der einst lauschige Markt im Zentrum  ist seit Jahren total aufgerissen und verlegt „Unser“ Markt Manjelwa ist vor Jahren abgebrannt und auf der andern Seite der Hauptstraße unschön wieder aufgebaut.

Ein paar markante Punkte sind noch erkennbar: das Post- und Zollamt, wo ich endlose Verhandlungen wegen einiger Pakete führte; das Kino, in dem mal Bollywood-Filme liefen; die Bank, in der man einen halben Tag zum Geldtausch brauchte.

Etwas in die Jahre gekommen ist das „Karibuni-Center“, wo wir Quartier nehmen. Dort gab es „damals“ in dürrer Zeit das erste Speiseeis. Jetzt campieren Jugendgruppen dort, die einen Abenteuerurlaub gebucht haben.

Es gehört sich, dass ich „meine“ Kirchenleitung aufsuche. Vor sieben Jahren habe ich eine Gruppe von Missionsfreunden nach Tansania geführt und die ewigen Begrüßungsrituale gedolmetscht. Solche Rituale gehören zur afrikanischen Höflichkeit. Man muss nicht glauben, dass man dabei ernsthafte Probleme erörtern kann. Für Afrikaner ist wichtig, dass schöne Worte eine gewisse Harmonie herstellen. Ich bin froh, dass ich diesmal privat hier bin.

Der stellvertretende Vorsitzende („Makamu“) der Südwest-Provinz der Moravian Church hat wenig Zeit, da er zu einer internationalen Synode nach Jamaika muss. Es gesellt sich noch der Leiter der Abteilung für christliche Erziehung zu uns, der mal mein Student war und sich riesig freut. Die Anhänglichkeit an den Lehrer (mwalimu) ist immer wieder überwältigend. Andere ehemalige Studenten haben leitende Positionen bekommen. Manche sind aber schon pensioniert oder gestorben.

Der eigentliche Vorsitzende, ein ehemaliger Student von uns, ist ihnen gerade abhanden gekommen. Eine undurchsichtige Geschichte, zu der des Sängers Höflichkeit schweigt. Ich wollte ihn eigentlich treffen, habe ihn aber verpasst. Demokratie in der Kirche ist in Tansania ein besonders heikles Kapitel.

Während die Herrnhuter Brüdergemeine in Europa immer nur eine kleine Minderheitskirche mit einem besonderen Status zwischen den Landeskirchen und den Freikirchen geblieben ist, wurde sie in Ostafrika zur Volkskirche. Neben den Lutheranern und den Anglikanern ist die Moravian Church (in Tansania) heute die drittgrößte nicht-katholische Kirche des Landes. Gegründet 1891, dehnt sich bis 1939 die Arbeit der Herrnhuter Mission im südlichen Hochland von Tanganyika längs des Nyassasees und der Grenze zu Sambia bis zum Rukwa-See und der Usangu-Ebene über ein Gebiet von der Größe der Schweiz aus. „Meine“ 1976 gegründete Unitätsprovinz von Südwesttansania zählt heute 198 Hauptgemeinden mit 269800 Christen.

Näheres unter http://www.herrnhuter-missionshilfe.de/laender/tansania.

Unverhofft treffen wir einen meiner Vorgänger, Dekan i.R. Jochen Tolk, der sich im Ruhestand um Aidswaisen kümmert. Er hat eine Struktur gefunden, die ihm große, vor allem finanzielle  Unabhängigkeit gewährt. Seine Afrika-Erfahrungen hat er in einem Buch verarbeitet: „Armer reicher weißer Mann: Unser weißes Leben im Spiegel Afrika betrachtet.“ Seine kritischen Berichte haben schon damals Anstoß erregt. In Deutschland warf man ihm vor, er liebe die Afrikaner nicht genügend.
Schon bei unsern früheren Rundbriefen haben wir uns gefragt, was wir wahrheitsgemäß berichten sollen. Nur die Erfolge, damit die Spender nicht verunsichert werden? Ist es Lüge, wenn man die Hälfte weglässt? Verstehen wir überhaupt, was wir sehen und erleben?
Man sagt ja, dass man nach drei Tagen in Afrika einen Artikel schreibt, nach drei Monaten ein Buch, aber nach drei Jahren gar nichts mehr. Für jede Einsicht gibt es eben auch die gegenteilige Erfahrung. Wenn ich heute meine alten Rundbriefe lese, meine ich, dass ich zu begeistert berichtet habe. Der Kirchenleitung war es aber nicht geheuer, sodass sie unsere Berichte vorher zensieren wollten. Der Rat an uns damals: „Schreibt das Gute und werft das Schlechte in den Papierkorb.“

 

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