Tansania (3): Eisenbahn

Es ist ziemlich aussichtslos, auf einem der zahlreichen Altkleidermärkte (mitumba) einen Bikini zu finden. Deswegen steuern wir eine „Shopping-Mall“ an, die es neuerdings in Dar gibt. Die Preise dort sind gesalzen. Zwar sind die Läden mit internationalen Marken gut gefüllt, aber es fehlen Kunden. Die gelangweilten Verkäuferinnen erinnern mich an ihre Kolleginnen von 1986, als man auf die Frage „Gibt es…?“ jedes Mal die Antwort „hamna“ (Gibt nix) bekam.

Die Zeit drängt. Wir müssen zum Bahnhof der „Tazara“. Wir haben unsere Fahrkarten bereits gekauft, aber man weiß nicht genau, wann sie eigentlich abfährt. Der Taxifahrer unseres Vertrauens, Roger, fährt einfach auf den Bahnsteig vor den Wagen der Ersten Klasse.

Ich bin ein Fan afrikanischer Eisenbahnen. 1974 fuhr ich  mit der noch von Deutschen gebauten „Central-Line“ von Dar bis zum Viktoriasee. Da saß ich in der 3. Klasse dichtgedrängt unter lauter Afrikanern. Die Linie ist leider derzeit außer Betrieb.

Die von Chinesen gebaute „Tansam“ oder „Tazara“ wurde 1975 in Betrieb genommen. Sie führt über eine Entfernung von fast 2000 Kilometern nach Kapiri Mposhi ins Kupfergebiet von Sambia. Wir fahren nur 850 km bis Mbeya. Laut Fahrplan dauert das 18 Stunden und kostet pro Person 1.Klasse 65000 Sh. (etwa  28 Euro).

Erste Klasse heißt: Wir haben als Familie ein Abteil für uns. Sonst wird nach Geschlechtern getrennt. Unser Waggon ist sicherlich von Anfang an im Einsatz. Was man abmontieren konnte, fehlt. Mich stört eigentlich nur, dass man die Tür nicht schließen kann. Man hat immerhin so einiges von Überfällen gehört. Dafür gibt es heute bewaffneten Begleitschutz. Fensterscheiben fehlen meistens. Aber es gibt einen Ort, den man als WC bezeichnen könnte. Jedenfalls ist ein riesiger Bottich mit Wasser gefüllt. Durch das Loch kann man direkt auf die Schienen schauen. Die vier Liegen haben Decken und Kissen. Da holt meine Frau erstmal das Nähzeug heraus. Ansonsten wickelt man sich am besten in das afrikanische Allzwecktuch „Kanga“ ein. Oder man benutzt wie meine Töchter leichte Schlafsäcke. Neben uns fahren wenige Europäer und auffallend viele Chinesen.

Nun könnte es am Nachmittag eigentlich losgehen. Doch erst stürmen die bisher ausgesperrten „Dritte Klasse- Passagiere“ den Zug. Wer einen Sitzplatz will, muss jetzt sprinten. Manche hocken stundenlang auf dem Fußboden.Die wiederholte Frage nach der Abfahrtszeit beantwortet die mürrische Schaffnerin mit „bado“ (Noch nicht.) Doch plötzlich ruckt der Zug an, wir fahren.

Nach zehn Minuten gibt es einen Schlag, der sich bei jedem Halt wiederholt. Was ist los? Ein Zusammenstoß am Bahnübergang? Wenn nur dreimal die Woche ein Zug fährt, rechnen Autofahrer natürlich nicht damit. Es gibt selten Schranken oder rote Ampeln.. Wenn es im Schneckentempo 30 km/h so weitergeht, kann man mit stunden- ja tagelangen Verspätungen rechnen.

Nachdem wir Dar verlassen haben, fahren wir durch das Küstenland und das Selous-Game Reserve.

Dieses größte Wildreservat Afrikas hat mehr Fläche als die Schweiz. Leider haben sich die Millionen Wildtiere, darunter über 3500 Löwen, uns nicht gezeigt. Aber die Landschaft ist berauschend genug. Bei jedem der 147 Bahnhöfe laufen Leute an den Zug und bieten allerlei Essbares an. Im Tunnel – es gibt 23 – sitzen wir plötzlich im Finstern. Erst nach Sonnenuntergang wird die schummrige Beleuchtung eingeschaltet. Am Abend wird im Abteil ein Essen (Reis mit Hähnchen) serviert. Man muss nur aufpassen, dass bei der wackeligen Strecke (Schmalspur) die Soße auf dem Teller bleibt. Zum Frühstück gehen wir dann lieber in den Speisewagen. Doch noch ist die Nacht nicht rum. Ein heller Feuerschein erhellt den Horizont. Wir fahren direkt darauf zu. Der Lokführer wird doch wohl nicht durch’s Feuer fahren? Es kommt aber bedenklich nahe. Am Ende des Selous steigen einige schon wieder aus. Wir bitten die Schaffnerin erfolgreich um deren Abteil, das etwas besser erscheint und abschließbar ist. Die kleine Soldatentruppe ist nämlich schon hörbar angeheitert. Es ist immer gut, wenn man weibliche Respektspersonen etwas becircen kann. In der weiteren  Nacht habe ich gut geschlafen, der Rest der Familie hat kein Auge zugetan. Die Bahn folgt dem fruchtbaren Kilomero-Tal und umgeht die ausgedehnten Kibasira-Sümpfe. Die meisten Schwierigkeiten hat die Tazara zwischen Mlimba (Königreich der Elefanten) und Makambako (Platz der Bullen). Hier wird es empfindlich kalt. Innerhalb von 100 km war eine Steigung von 1300 m zu überwinden. Da haben die chinesischen Lokomotiven in den achtziger Jahren immer schlapp gemacht bis Krupp ausgeholfen hat. Noch immer kommt es in der Regenzeit zu Unterspülungen und Entgleisungen. Auf dieses nur 16 km lange Teilstück entfielen fast 30% aller Erdbewegungsarbeiten, Viadukte, Tunnel und Brückenbauten.

In Makambako erreichen wir die mir wohlbekannte Nationalstraße. Hier wird der Zug gründlich geputzt. Man denkt immer, nun sind wir am Ziel. Aber in weiteren Schleifen schraubt sich die Bahn ins Hochland. Mbeya liegt fast 2000 m hoch in einer Senke zwischen dem Mbeya-Gebirge und den Poroto-Bergen im Süden. Nach 24 Stunden Bahnfahrt landen wir etwas gerädert außerhalb der Stadt im Bahnhof. Wie wird es uns in Mbeya ergehen, wo wir von 1986-1991 glücklich waren?

 

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