Tansania (2): Bevölkerung

Als ich erstmals 1974 auf der Suche nach “ujamaa” Daressalam besuchte, wohnte ich im Lutherhaus. Das gibt es noch immer, aber es ist ziemlich heruntergekommen. Damals erlebte ich Dar als übersichtliche Stadt mit vielen Bauten aus der deutschen Kolonialzeit. Dar hatte eine halbe Million Einwohner. 1986-1991, als wir öfter in der Stadt zu tun hatten, zählte man schon 1,3 Millionen. Bei meinem letzten Besuch vor sieben Jahren war ich entsetzt über Chaos und Dreck; man sprach von drei Millionen. Heute sind es mindestens vier Millionen. Man merkt es an den übervollen Straßen.

Tansania hat weltweit die höchste Zuwachsrate. Jährlich nimmt die Bevölkerung um 1,3 Millionen zu. Die derzeit auf 45 Millionen geschätzte Bevölkerung wird sich bei gleichbleibendem Wachstum in 26 Jahren verdoppeln. Diese Entwicklung überlastet die sozialen und wirtschaftlichen Systeme. Schulen aller Arten sind hoffnungslos überfüllt.

Angenehm fällt auf, dass die Menschen sehr jung sind. 75% der Einheimischen sind unter 30 Jahre alt. Arbeitsplätze aber sind nicht ausreichend vorhanden. Ich kann mir darum nicht vorstellen, wie die neuen Milleniumsziele zur Armutsbekämpfung erreicht werden sollen. Optimistischer ist das Nationale Statistikbüro: Mit zunehmender Familienplanung soll sich das Verhältnis zu Gunsten der produzierenden Bevölkerung verschieben. Derzeit produzieren die 45% unter 15jährige und etwa 5 % über 60jährige sozusagen nichts.

Empfängniskontrolle betreiben angeblich landesweit 27% der Frauen. „Damals“ waren wir mit einem deutschen Gynäkologen befreundet, der auf diesem Gebiet Entwicklungshilfe betrieb. Es wurde von der deutschen GTZ viel Geld eingesetzt. Aber die Erfolge sind nach wie vor mager. Er klagte, dass die Männer nicht mitmachen. Sie wollen nach wie vor viele Kinder. Ein Fachmann der University of Dar-es-Salaam berichtete, 1991/92 hätten die Frauen durchschnittlich 6,3 Kinder geboren, 2010 nur noch 5,3. Während die Frauen in den tansanischen Städten über die Last des Kinderkriegens klagen, gebären ihre Schwestern auf dem Land je 12 Kinder. Auffälligerweise ist das genau dort, wo es an ausgebildeten medizinischen Kräften fehlt, wo man sich auf traditionelle Hebammen und Kräutermedikamente verlassen muss. Die Gesundheit der Frauen, die zu dicht hintereinander schwanger sind, ist schwach, die Kosten für medizinische Versorgung sind hoch. Kinder, die rasch aufeinander folgen, sind anfällig, die Todesrate ist höher, als die der Kinder, deren Geburt etwa zwei Jahre auseinander liegt.

In den Zeitungen lese ich Artikel, die so ähnlich auch schon 1986 erschienen sind. Es gibt jede Menge Konferenzen, jede Menge Organisationen, aber wenig Resultate. Wir haben seinerzeit mit unseren (männlichen) Studenten diese Fragen heftig diskutiert. Meine Frau hatte einen besseren Zugang zu den Pfarrfrauen. Die wollten aber nur wissen, mit welchem Zauber wir erreicht hätten, nur zwei Kinder zu haben.

Die Stärkung der Frauen ist in vielen Kirchen Teil der Gemeindearbeit. Das muss sich auch in der Ehe-Moral der Christen beweisen. Solange selbst Pfarrer ihre Frauen bei Widerspruch schlagen, ist wenig erreicht. Die meisten predigen den Frauen Unterwürfigkeit. Ob das Pastorinnen ändern können, die es mittlerweile gibt?

Zu meinem Entsetzen lese ich in der „Guardian“ die Überschrift „Send contraceptives on leave, JPM tells women“. JPM wird der neue Präsident John Pombe Magufuli genannt.  Er argumentiert, dass Frauen so viele Kinder wie möglich gebären sollen, „weil die Erziehung jetzt kostenlos ist“. Zum Glück gab es durchaus Widerspruch von Fachleuten.

Es ist in Tansania nach wie vor ein heikles Thema. Ich verstehe, dass man sich von Europäern nicht gern dreinreden lässt. Jedenfalls wäre ich als Afrikaner wohl schon Urgroßvater.

Die Organisation „Advance Family Planning“ informiert über die gegenwärtigen Anstrengungen. http://www.advancefamilyplanning.org/tanzania.

 

 

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