Archiv für den Monat Juli 2016

Muslime taufen?

Aus meiner heutigen Predigt (Römerbrief Kap. 6) zum Taufsonntag:

Vor vielen Jahren hatten wir einen freikirchlichen Prediger aus London  eingeladen zu einem ersten Kontakt zur Pfingstbewegung. Damals schon erzählte er von den Schwierigkeiten der Migranten, zu denen er selbst gehörte. In seiner Gemeinde fanden die eine Heimat, die ihre ursprüngliche verloren hatten. Dort feiern sie, die von den Einheimischen verachtet werden, charismatische Gottesdienste. Hier sind sie Menschen und nicht Treibgut der Geschichte. Zu unserer Verblüffung erzählte der Prediger, wie sie die Gottesdienste beginnen: Im Chor rufen sie sich zu „ I am somebody, I am somebody“, Ich bin jemand.

Das ist in den Ohren eines Evangelischen eine seltsame Liturgie. Sind wir doch traditionell eher gewohnt, den Gottesdienst mit einem Sündenbekenntnis zu beginnen. Ein solches Bekenntnis kann allerdings nur sprechen, wer einigermaßen gefestigt ist. Wer sowieso angeschlagen oder depressiv eingestellt ist, kann eine solche Eröffnung kaum vertragen. Vielleicht ist deswegen diese Tradition auch  bei uns verdunstet.

„Ich bin jemand“ – das kann überheblich klingen. Man kann darin aber auch eine saloppe Zusammenfassung des christlichen Menschenbilds sehen wie es Paulus in seinem Schreiben an die Gemeinde Roms dargelegt hat. Die Theologen nennen das „Rechtfertigungslehre“. Paulus hatte beim alttestamentlichen Propheten Habakuk den Satz gefunden „Leben wird, wer mit Gott im Reinen ist. Und wer ist mit Gott im Reinen? Der sich ihm anvertraut.“ (Röm.1,17). Nun muss er sich aber gegen den Vorwurf wehren, dass sein Umgang mit der jüdischen Tora alle Moral auflöse und Gesetzlosigkeit zur Folge habe. …

Wir sind, wie Paulus in mystischer Sprache sagt, „in Christus“. Wir sind neue Geschöpfe. Wir sind „Kinder Gottes“. Das ist mehr als „somebody“.

Daraus folgt  ein aktives Nein zu allem, was der Liebe Christi zuwider ist; zu allem, was den Menschen behandelt wie ein Stück Ware, das man ausnutzen kann. Ein Nein zu denen, die Unrecht zum Recht machen wollen und die Saat des Krieges säen. Die ihre Wahrheiten mit Gewalt durchsetzen wollen. Ein Nein zu einer Politik, die tausende Menschen ertrinken lässt.

Daraus folgt ein aktives Ja zu allem, was mit der Liebe Christi zusammenstimmt; zu allen, die das Recht aufrichten und für den Frieden kämpfen und leiden. Die sich zwischen die Fronten stellen. Ein Ja zur Versöhnung zwischen Religionen und Konfessionen.

Dies alles drückt eine Taufe aus. Was heißt das in der gegenwärtigen Situation? Sollen wir beispielsweise Muslime und „Andersgläubige“ taufen, die zu uns als Flüchtlinge kommen? Früher hätte es da keine Bedenken gegeben. Seit wir den Dialog entdeckt haben, sind wir vorsichtiger geworden. Man will sich nicht den Anschein geben, dass wir eine Notlage ausnutzen. Manche sind vielleicht auch misstrauisch, ob sich da welche durch die Taufe Vorteile erschleichen wollen…

Muslimische Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak haben sich in Stuttgart taufen lassen. Unser evangelischer Landesbischof Frank Otfried July hat sich daran beteiligt. July hatte bei der Landessynode im März deutlich gemacht, dass Unsicherheit und Hilflosigkeit missionarisch nicht missbraucht werden dürften. Eine sorgfältige Taufvorbereitung und auch Taufgespräche seien nötig. „Wenn aber dies gelingt, dann ist Freude bei uns“, so der Landesbischof.

Prompt gab es Diskussionen Pro und Contra. Ein Journalist schrieb: „Weniger wohlwollende Zeitgenossen könnten sich durch das Verhalten der evangelischen Kirche provoziert fühlen… Was am vorliegenden Fall sauer aufstößt, ist der offensive Umgang mit dem höchst privaten Akt der Taufe. Die Protestanten setzen sich unnötig dem Verdacht aus, den Zuwachs in ihren Reihen durch vormalige Muslime als Erfolgsmeldung zu deuten.“ Seit wann in die Taufe ein „höchst privater Akt“?  Sie ist immer ein freies öffentliches Bekenntnis, das in einem öffentlichen Gottesdienst gefeiert wird.

Die Sorge ist eher, wie  Konvertiten in den Flüchtlingsunterkünften und von ihren Familien aufgenommen würden. Es komme in den Heimen immer wieder vor, dass andersgläubige Bewohner dort zu bestimmten muslimischen Gebräuchen gedrängt werden, vor allem jetzt während der Fastenzeit Ramadan.

Umso wichtiger ist es, mit der öffentlichen Taufe zu zeigen, dass die Kirche hinter diesen ehemaligen Muslimen steht. Man muss es bekannt machen und so helfen, dass Religionsfreiheit akzeptiert wird.

Die Taufe erinnert uns daran, wohin wir gehören als „Kinder Gottes“. Sie verheißt, dass es eine Wirklichkeit gibt, die größer als unser Herz, dichter als unser Denken und tiefer gegründet als unser Hoffen ist – und dass uns aus dieser Wirklichkeit Liebe zuströmt. Sie verheißt dem Menschen geborgene Zukunft in dieser schöpferischen Liebe auch und gerade dann, wenn er an die letzte Grenze seiner Endlichkeit stößt, wenn es ans Sterben geht.