Exodus als Befreiung

Das Sommersemester, also auch das Tübinger „Studium Generale“, geht seinem Ende entgegen. Star dieser Veranstaltungen ist seit einiger Zeit der Germanist  Jürgen Wertheimer, der sich unter dem Titel „Exodus: Mythos, Wirklichkeit, Narrativ“ auf Spurensuche begab nach Erzählungen über Flucht und Migration, Exil und Neuanfang: von der Geschichte des babylonischen Exils bis zur filmischen und literarischen Verarbeitung aktueller Flüchtlingsbewegungen. Seine locker-legere und höchst subjektive Art zieht die Massen an. Zum Schluss hat er sich einen besonderen Gast eingeladen.

Der Ägyptologe Jan Assmann, früher Professor in Heidelberg, jetzt emeritiert in Konstanz, verfolgt die Spuren der Exodus-Erzählung zurück bis ins Alte Ägypten und nach vorne bis ins 20. Jahrhundert. Er entfaltet eine neue Theorie des Monotheismus und zeigt, warum die Geschichte vom Auszug aus Ägypten auch die Gründungserzählung der modernen Welt ist. Das Buch Exodus enthält Schlüsselszenen der Heilsgeschichte, die in Judentum, Christentum und Islam, aber auch in Kunst und Literatur eine vielfältige Wirkung entfaltet haben.

Dem Theologen sind seine Thesen nicht neu, aber andere mögen erstmals wahrnehmen, dass man das Alte Testament auch als Literaturgeschichte lesen kann. Die Vorlesung bietet eine knappe Zusammenfassung seines neuen Buches: Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt. Verlag C. H. Beck, München 2015. 493 Seiten.

Assmann liest das biblische Buch Exodus nach der Art eines historischen Romans – als eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, aber die Gegenwart meint. Die Vergangenheit ist die legendäre Zeit des Auszugs aus Ägypten (vielleicht um 1200 v. Chr.), die Gegenwart der Erzähler dürfte die Zeit um 500 v. Chr. sein. Israel war damals ein kleines Untertanenvolk im Persischen Reich. Einem Provinzverwalter unterstellt, besaß es keinen König, und sein Tempel, 586 v. Chr. verwüstet, lag noch in Trümmern. Von der Vergangenheit wird nun so erzählt, dass sie für die Gegenwart relevant ist. Das geschieht durch die von Gott auf dem Berg Sinai verfügten Gebote, von denen in der alten Exodus-Sage noch nicht die Rede war.

Statt des Königs erlässt Israels Gott selbst und höchstpersönlich die Sozial- und Kultordnung. Die Religion bedarf keines Königs als Gesetzgeber – darin besteht die politische Pointe des Exodus-Buches. Die von Gott verfügte Kultordnung kann verwirklicht werden, sobald der neue Tempel mit Genehmigung der persischen Behörden errichtet ist. Tatsächlich wurde um 500 v. Chr. ein neuer Tempel in Jerusalem erbaut.

Die Frage, was historisch geschehen ist, lässt Assmann – immerhin! – offen. Wir haben eben keine andern außerbiblischen Quellen. Gläubige können sich also mit der Nacherzählung der biblischen Berichte begnügen. An das Ereignis kommen wir nicht ran, als Ägyptologe kann er nur eine Fehlanzeige beglaubigen. Das ist aber auch schon sehr interessant, denn das zwingt uns, nach der Symbolik der Geschichte zu fragen.

Assmann: „Man muss sich klar machen, dass der Keim der Exodus-Erzählung zu einem ungeheuren Baum gewachsen ist. Und in irgendeinem Stadium dieses Baumes, das man mit dem Buch Deuteronomium in Verbindung bringt, hat die Erzählung politische Stoßkraft gewonnen. Exodus ist Aufklärung, ist Säkularisierung der Herrschaft… Ich halte überhaupt nichts von der Unterscheidung eines neutestamentlichen Gottes der Liebe und eines alttestamentlichen oder gar „alttestamentarischen“ Gottes der Rache und des Zorns. Das Element der Liebe im christlichen Glauben ist in der alttestamentlichen Bundestheologie grundgelegt. Zum Pessachfest, dem Fest des Auszugs aus Ägypten, wird das Hohelied der Liebe (Salomos) gelesen.“

Ich frage mich, ob sich Professor Wertheimer diese „Bibelstunde“ so vorgestellt hat. Die konfuse Debatte anschließend, zu der er selber beiträgt, lässt die Ambivalenz der Exodus-Tradition in einer Art Grauzone. Denn dort, wo sich der Mythos vom „erwählten Volk“ nicht länger in der Ohnmacht, sondern in der Macht wiederholt, erschwert er Kompromisslösungen. Das war so im Genf Calvins, bei den Puritanern in Amerika und wohl auch bei radikalen Israelis gegenüber den Palästinensern.

 

 

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